Der Zug, in den ich in Nürnberg einsteigen musste, um Bayreuth zu erreichen, fuhr weiter nach Dresden, was mir nicht nur gefiel, weil Wagner dort ein Jahr nach seiner Geburt in Leipzig die Kindheit und Jugend verbracht hatte, später die Uraufführungen von Rienzi, dem Fliegenden Holländer und Tannhäuser am Hoftheater erlebte, Beethovens Neunte Symphonie dirigierte, sich an der Dresdener Revolution beteiligte, steckbrieflich verfolgt wurde und nach Zürich fliehen musste, sondern weil der Zug ohne Grenze die Städte Plauen, Reichenbach, Zwickau, Glauchau, Chemnitz, Flöha, Freiberg passieren konnte, ehe er Dresden erstürmte, denn so musste man wohl die Art der Fahrt bezeichnen, die der Frankenexpress einschlug. Die Kurven nahm er, als ob er die Baumwipfel begrüßen wollte, und in den kurzen, geraden Strecken wiegte er sich ausschweifend weit nach rechts und links. Er war überfüllt, und ich genoss schamlos die Leere der ersten Klasse, die ich mit zwei Damen teilte, die ohne Zweifel nach Bayreuth fuhren, dachte ich mir, was sich schnell bewahrheitete, da ich etwas zu lang auf ihre schweren Koffer blickte und die Dame mit der rötlichen Hochfrisur mich lächelnd fragte: "Sie fahren doch sicher nach Bayreuth?", und als ich übertrieben mit "Natürlich" bejahte, deutete sie auf das Gepäck und meinte: "Wir brauchen immer einen Kavalier. Wir fahren jährlich. Sie auch?" Ich nickte heftig, denn wie sollte ich erklären, dass ich mit 66 Jahren zum ersten Mal Bayreuth besuchte . doch seit 33 Jahren Opern inszeniere! Der einzige Gewinn wäre gewesen, dass sie aus Ekel ihre Koffer allein geschleppt hätten, aber die Verachtung, die ich eine Dreiviertelstunde hätte ertragen müssen, fürchtete ich mehr als die körperliche Anstrengung.

Wir schlingerten durch den Wald, und wenn er sich ein wenig lichtete, blitzten über gestalteten Felsen seltsam bunte Figuren auf, und die Dörfer mit den stark betonten, niedrigen Fachwerkhäusern ließen an Zwerge und die Teiche an eingefangene Melusinen denken. Überhaupt schien es mir, als ob die Landschaft bereits eine diminutive Einführung in die Welt Wagners darstellen würde, wobei ich nicht ausmachen konnte, ob eine gewisse Ironie oder sogar ein leichter Hohn dabei mitschwang, wenn auch das Wesen der Natur ihre Gleichgültigkeit ist, aber vielleicht übten die Klänge aus Bayreuth einen derartigen Druck aus, dass selbst die Natur ihre Indifferenz aufgeben musste und sich der unaufhörlichen Allmacht des Meisters beugte. Den zwei Damen war inzwischen übel geworden, und als ich nahezu allein – in Bayreuth angekommen – ihre Koffer aus dem Zug hievte, hauchten sie mir nur noch ein welkes "Danke" entgegen.

Am Bahnhofsausgang strahlte mir ein großes Schild "Wienerwald" entgegen, und ich schmeckte schon die Leberknödelsuppe und das knusprige Hähnchen, das mir so oft in den verschiedensten Städten, vornehmlich während der stundenlangen Beleuchtungsproben, als kompensatorisches Lustobjekt gedient hatte, doch das Restaurant war vorläufig geschlossen. Dafür lag das Hotel sogleich dem Bahnhof gegenüber, und Nelly, meine ehemalige Mitarbeiterin, und ihr Mann Tilman waren pünktlich zur Stelle. Nelly, die ein Kind erwartet, sah schöner aus denn je, und ihr kleiner, gewölbter Bauch blieb das einzig Natürliche in den drei Tagen meines Aufenthalts.

Mit Wagner habe ich mich erstmals ausführlich 1981 beschäftigt, als ich 40 Jahre alt war. Und dann schrieb ich es auf. Ich nannte ihn "einen Mann, der sich selbst erfunden hatte, den Münchhausen der Musik. Selten wurde über jemanden so viel Weihrauch geschwenkt und so viel gelästert. Experten des Nationalen behaupten, dies sei eine typisch deutsche Haltung und entstünde aus einem schicksalhaften Hang zum Dogma. Wagner kommt dieser ›Entweder-oder-Haltung‹ am nächsten, und ebenso lässt sich sein Werk vorzüglich zur ›Enthebung‹ gebrauchen. Während die Griechen ihre Götter so menschlich machten, dass sie für jeden ihrer Komplexe, für jede ihrer Neurosen einen neuen Gott erfinden konnten, rückten die Deutschen ihre Mythen ins Monströse, ins Gigantomanische. Dies scheint der beste Weg, sie entweder lächerlich zu machen, sich zu distanzieren oder sie in Weihespiele zu verpacken, sich durch ›Kunst‹ jeder Verpflichtung, jeder Betroffenheit zu entheben."

Damals begann ich schon Zärtlichkeit, Ironie, Witz, Trivialität in Wagners Musik zu entdecken, das vermeintlich Teutonische bekam erste Risse, Löcher, ich meinte, dass es keinem Komponisten je gelungen sei, dem Geschmacklosen eine so gültige Form zu geben, und verglich sein Leben mit dem Lord Byrons, Old Shatterhands und Störtebekers, letztlich um ihn mir nahezubringen, beweglich, verständlich zu machen, denn vor dem Deutschen in mir und um mich herum fürchtete ich mich. Gerade in meiner Jugend, also um 1960, kippte das Proletarische ins Kleinbürgerliche, das Großkotzige ins Repräsentative, und ein kleiner, aber auftrumpfender Rest rettete sich ins Kultische, in das Sektiererhafte. Überall Gestrüpp, Fußangeln und dazwischen blindwütige Sauberkeit, maßlose Vereinfachung, militantes Hochhalten zweifelhafter und abgenutzter Begriffe. Wagner schien für dies alles bestens geeignet zu sein, und so mied ich ihn und fand in Verdi das, was ich ersehnte: klare Haltungen, wilde Auseinandersetzungen, deutliche Parteinahme für Minderheiten, Leidenschaft, Mitleid, Sinnlichkeit und jenes Temperament, das sich getraut, im schlimmsten Fall auf eigene Kosten über sich selbst zu lachen. Später dann die erste Oper von Mozart, Entführung aus dem Serail, eine selige Begegnung mit glückhaften Folgen. Dazwischen lag wie ein Findling die Arbeit an Wagners Meistersingern. Da wich jede Klammheit, jede Skepsis. Die Bewunderung der unerbittlichen Genauigkeit seiner Musik, die Entlarvung der deutschen Idylle als Nest verborgener Aggressionen und Denunziationen – sie schlugen in der Figur des Hans Sachs in Liebe um. Das Wort "Findling" ist mir nicht von ungefähr eingefallen, denn der Stein schob sich wohl unterirdisch durch die Jahre weiter vor, bis eine spitze Kante mich genau am 28. Oktober 2005 um 18.13 Uhr so empfindlich an Kopf und Brust traf, dass ich taumelte und mit letzter Kraft den Bühnenbildner Reinhard von der Thannen anrief: "Reinhard, wir müssen uns unbedingt um Wagner kümmern!", was wir augenblicklich taten, um ihm jetzt im Sommer 2007 – wie wir hoffen – wieder etwas nähergekommen zu sein.

Ich wollte unbedingt mit meinen jungen Freunden Wagners Haus Wahnfried besuchen, in dessen Garten er mit seiner Frau Cosima begraben liegt. Vor dem Haus, das erstaunlich kühl und klar sich außen zeigt, wie mit rauer Schale den Prunk innen verbirgt, die Büste Ludwigs II. "Hört einmal", rief Nelly und las uns die Inschrift vor, die in einen Stein ein paar Meter von der Grabstätte entfernt eingemeißelt war: "Hier ruht und wacht Wagners Russ. Wer mag das sein?!" – "Sein Hund!", wusste Tilman Bescheid. "Wie menschlich", meinte Nelly, und das wurde mein bevorzugter Ausspruch. Auch das Festspielhaus wirkt trotz seiner 2000 Plätze menschlich. Zugegeben, die engen Sitzreihen scheinen ganz aus Wagners Sicht konzipiert zu sein, der bekanntlich von kleiner Statur war, aber ihre hölzerne Härte dient dem Klang, also einem gewinnbringenden Zweck, wie überhaupt Notwendigkeit und Bedürfnis allenthalben Vorrang haben. Die Bühne schafft so viele Verwandlungsmöglichkeiten, wie sie kein heutiger Theaterbau übertreffen kann, und da das Orchester samt dem Dirigenten unsichtbar ist, tief unter die Bühne geschichtet, die Schlagzeuger und Bläser zuunterst, der Ton von einem Halbrund zurückgeworfen wird, entsteht eine vielstimmige Ausgewogenheit höchster Konzentration. "Aber", flüsterte ich Nelly in der einstündigen Pause nach dem ersten Akt zu, "etwas fehlt mir." Nelly sah mich amüsiert an: "Und das wäre?" – "Na ja", entgegnete ich verlegen, "das schimmernde Licht des Orchestergrabens, die Gestik des Dirigenten, die hocherhobenen Geigenbögen, das Triangel, die Harfe, der ganze Einblick in das Entstehen von Musik, die sichtbare Anstrengung, das Musizierende, die Kommunikation zwischen Sängern und Musikern, das Wetteifernde, das…"