Als Hector Berlioz 1832 einen Stipendiumsaufenthalt in Rom absolvierte, lernte er Felix Mendelssohn-Bartholdy kennen. Die Komponisten unternahmen gemeinsame Ausritte in die Campagna und tauschten sich über Fragen der Kunst aus. Mendelssohn schrieb später, er könne das affektierte Wesen von Berlioz nicht ausstehen, "diesen nach außen gekehrten Enthusiasmus, diese den Damen präsentierte Verzweiflung, die Genialität in Fraktur…". Man kann sich gut vorstellen, wie der überdrehte Franzose dem deutschen Klassizisten auf die Nerven ging. Berlioz muss anstrengend gewesen sein.

Das Sprunghafte und Übersprudelnde seiner Persönlichkeit, das theatralisch Ausgreifende, Ironische und Polemische vernimmt man auch in seiner Musik. Die Künstleroper Benvenuto Cellini etwa, die er 1838 für die Pariser Opéra comique schreibt, ist voll von aufgekratzter Dramatik und abrupten Stimmungsumschwüngen. Berlioz schneidet darin bombastische und intime Szenen unvermittelt gegeneinander, montiert Pathos und Komik, überrascht mit rhythmischen Kapriolen und Instrumentationspointen. Mendelssohn fand (auf die Ouvertüre Le Francs-Juges bezogen): "Seine Instrumentierung ist so entsetzlich schmutzig und durcheinander geschmiert, dass man sich die Hände waschen muss, wenn man mal eine Partitur von ihm in der Hand gehabt hat."

Kein Wunder, dass die Uraufführung des Benvenuto Cellini bei den Ausführenden auf Unverständnis stieß und beim Publikum durchfiel. Die süffige Melodik und die berechenbaren Effekte der im damaligen Paris triumphierenden Grand Operá lässt Berlioz weit hinter sich. Er gibt sich dem Fieber seiner musikalischen Ideen hin – und fühlt sich dabei (ein bisschen zumindest) wie der Titelheld seiner Oper. Cellini ist das Renaissance-Genie, ein Freigeist und Außenseiter, ein Lebemann, der die schönsten Frauen kriegt, und ein Grenzüberschreiter, der sogar vor Mord nicht zurückschreckt, um seine künstlerischen Visionen in die Tat umzusetzen.

Das Stück bietet eine tumultös rauschhafte Karnevalsszene auf, wie sie die Opernwelt bis dahin noch nicht gehört hat, und kulminiert in einem heroischen Kunstschöpfungsakt: Cellini muss in einer einzigen Nacht seine gloriose Statue gießen. Der Papst höchstselbst hat ihm ein Ultimatum gestellt. Wird das Werk fertig, sind ihm ein Mord und alle Ausschweifungssünden vergeben. Scheitert er, wird er gehängt. Das spekatulär Neue, so suggeriert Berlioz in diesem Finale, kann nur unter Aufbietung unmenschlicher Willenskraft und in der Umschmelzung von allem bisher Dagewesenen vollbracht werden. Wenn der am Hochofen rackernde Chor der Gießer nach "Mehr Metall!" ruft, klingt das, als würde das Kunstwerk selbst immer maßlosere Forderungen an den Künstler stellen. Cellini opfert in höchster Not alle seine existierenden Werke und lässt sie in die Schmelze werfen. Mit einer gleißenden Explosion bricht sich dann das Neue Bahn.

Heute mag man schmunzeln über solch rabiaten Kunstfortschrittsoptimismus, an den Berlioz freilich fest geglaubt hat. Er wirkt in unseren erfindungsschlappen, spätmodernen Zeiten wie beim Blick durch ein umgedrehtes Fernglas – ganz weit weg. Richard Wagners einsame, zerquält erlösungssuchende Künstlertypen scheinen uns näher zu sein als der Kunst und Leben kurzerhand zusammenzwingende Rebell und Tatmensch Cellini, der – ein Kuriosum nebenbei – im letzten Akt auch noch den ersten Arbeiterstreik der Operngeschichte niederschlagen muss. Das Stück hat, obwohl es ein veritables Gegenstück zu Wagners Meistersingern bildet, den Weg ins Repertoire nie geschafft. Wie also könnte man noch einmal Feuer kriegen unter diesem einst überkochenden Opernhochofen? Wie müsste eine angemessene Inszenierung aussehen für dieses Berliozsche Musiktheater der Totalverausgabung?

Der neue Salzburger Festspielchef Jürgen Flimm hat als Regisseur für sein Benvenuto Cellini- Wagnis einen Quereinsteiger engagiert: Philipp Stölzl, den Sohn des ehemaligen Berliner Kultursenators, der nach einer Ausbildung zum Bühnenbildner sehr erfolgreich Werbe- und Musikvideos produziert hat, unter anderem für Madonna und die Band Rammstein. Ein kreativer Geist, in dessen Kopf die Bilder bestimmt genauso fantastisch gewittern wie bei Berlioz, nur dass er am Ende die ratternden Maschinen der Entertainmentindustrie damit gefüttert hat.