Komponisten leiden zuweilen an Schmerzen, die ihnen wie die Erbsünde vorkommen. Pierre Boulez litt an altem Ausdruck, an den Moosflechten der Bedeutung, die in jahrhundertealter Musikgeschichte gewachsen waren. Jede Melodie, jedes Intervall, jeder Akkord stand zwangsläufig für etwas – für ein Seufzen, ein Signal, eine süße Harmonie. Wie soll man da Neues erfinden können!

Therapie durch strengste Theorie: In seinen Structures I von 1952 unterwarf sich Boulez so radikal der seriellen Organisation von Musik, dass aller Ausdruck gleichsam in der Quarantäne verblieb. Wo er jetzt über die zwölf Töne hinaus auch die Tonhöhen, Lautstärken und Klangcharaktere systematisch regulierte, war Ausdruck kein Akt des gestalterischen Willens mehr, sondern Abfallprodukt. Aber dieser Abfall klang wunderbar, fand Boulez. Hygiene hatte die Klänge gereinigt und frisch aufgeladen. Jetzt durften sie unter neuer Ordnung wieder expressiv sein, und berauscht schrieb Boulez eines seiner wichtigsten Werke, Le Marteau sans maître ("Der herrenlose Hammer"). Es wurde 1955 in Baden-Baden uraufgeführt und hatte keine gleichmütigen Hörer: Sie begrüßten den Marteau hymnisch oder spuckten vor ihm aus.

Dem Zyklus liegen drei surrealistische Gedichte René Chars zugrunde: Das rasende Handwerk , sodann Schönes Gebäude und die Vorahnungen und Henker der Einsamkeit . Als Boulez sie erstmals las, kamen sie ihm kühn und hart vor, wie "schwarze, blanke Kieselsteine", und er würfelte sie zu einem neunteiligen Zyklus zusammen. Die Besetzung ist denkwürdig leicht, mit Altstimme, Viola, Gitarre, Vibrafon, Xylorimba, Schlagzeug. Dieses Miniorchester ist von Stück zu Stück neu besetzt, es gibt rein instrumentale Vorahnungen oder Nachbeben der Lieder, die Sängerin singt nur viermal und am Ende mit geschlossenem Mund.

Text und Musik existieren freilich in Parallelwelten; die Intervalle und Rhythmen, forderte Boulez, sollten "grundsätzlich verschieden" sein, denn es gehe "um eine Umwandlung und, gestehen wir es ein, um eine Zerstückelung des Gedichts". Erst wenn ein Gedicht durch Musik demontiert ist, steht beiden der Weg ins ästhetische Paradies offen. Dort freuen sich Kunst und Künstler an einer seriell sich selber erschaffenden Struktur.

Indes bietet der Marteau auch ungeschulten Hörern Faszinationen: das jammernde Vibrafon, die lerchende Flöte, die zirpende Gitarre, die halsbrecherisch zackende Stimme. Oder das genial unzuverlässige Schlagzeug: Im Henker der Einsamkeit lässt es das Pendel der Uhr zum Protest gegen die organisierte Zeit irregulär ticken. In Das rasende Handwerk spielen Altstimme und Flöte einander die Motive zu, als sei es reanimierter Barock. Da kommt durch die Hintertür ein süßer Hauch von altem Ausdruck herein. Boulez, kalt lächelnd, wusste es – und genießt es bis heute. Le Marteau sans maître ist sein einziges Frühwerk, das er nicht umarbeitete.

Pierre Boulez: Le Marteau sans maître, Ensemble Intercontemporain (DGG 477 5327)