Es geht nichts über dieses grandiose Gefühl, Wolkenkratzern auf die Dächer zu schauen. Denselben Wolkenkratzern, die man vor einer Stunde, vor einer Ewigkeit noch von der Straße aus bestaunt hat. Nun aber sitzt man am Fenster der Club Lounge im 52. Stock, nippt am Champagner, blickt auf die Dachgärten und kommt sich vor wie ein Erfolgsmensch. Ich habe es geschafft, denkt man, ich bin ganz oben!

Im wörtlichen Sinn ist man das auch. Das im März eröffnete Ritz Carlton Tokyo überragt alle anderen Wohngebäude der Stadt. Im übertragenen Sinn sollte man es sein. Denn, wie der Manager selbst voller Stolz sagt: "Dieses Hotel ist teuer."

Das klingt ein bisschen nach: groß, seelenlos, protzig. Ist es aber gar nicht. Das Ritz Carlton nutzt nur die neun oberen Stockwerke des Midtown-Turms im Ausgehviertel Roppongi (und die drei unteren für Konferenzen). Groß sind die Zimmer, die einen weiteren städtischen Rekord aufstellen: 52 Quadratmeter! Allein das Bad bietet mehr Platz als manche Tokyoter Suite. Die Einrichtung im westlichen Stil ist hell, aber warm in unaufdringlichen Schattierungen von Gelb und Grün. Man findet die gewohnten technischen Sperenzchen vom Multifunktionsklo bis zum Nachtlicht für alle, die sich im Dunkeln fürchten. Man findet sie sogar tatsächlich, weil die erforderlichen Knöpfe und Schalter übersichtlicher als sonst angebracht sind. Die Klimaanlage versieht ihren Dienst leise; und man ist versucht, sie zu kalt einzustellen, damit man sich noch tiefer in das unverschämt flauschige Bett wühlen kann.

Doch für all das kommt niemand hierher. Man kommt wegen dieser riesigen, fast zum Boden hinabreichenden Fenster und der Aussicht, die sie bieten. Richtung Westen an klaren Tagen bis zum Fuji. Richtung unten knapp 250 Meter in die Tiefe, so steil, dass einem schwindlig wird. Mit blinden Scheiben wäre das nur halb so atemberaubend. Darum wird täglich geputzt, innen und außen. Ein Schildchen auf dem Nachttisch warnt vor den Fassadenreinigern, die jederzeit vor dem Fenster auftauchen können, und empfiehlt darum, die Vorhänge tagsüber geschlossen zu halten. Japanische Logik.

Zu tun gibt es im Ritz Carlton nicht viel. Man verlässt sich darauf, dass Unternehmungslustige in der Mall am Fuße des Midtown-Gebäudes auf ihre Kosten kommen. Doch der Wellness-Boom ist mittlerweile auch bei den Japanern angelangt, und zwar als Statussymbol. "Früher war es Golf, jetzt sind es Spas", sagt die zuständige Managerin. Der hauseigene Spa Club ist trotz seiner exorbitanten Preise bei den Tokyotern sehr beliebt. Man kann es verstehen. Die Wellness-Anlage des Hauses erspart einem Säulenhallen, Chichi und pseudoexotische Anwendungen. Sie konzentriert sich auf gutes Handwerk – vom fachgerechten Zupfen der Ohrläppchen bis zum Justieren der Hausschuhe. So kann man gleich hineinschlüpfen, wenn man von dieser Massage aufsteht, die einem das Gefühl gab, auf der Bank zu zerfließen wie ein Stück Butter auf einer warmen Brioche.

Mit Hotels wie diesem versucht Ritz Carlton, sein angestaubtes Schlafschloss-Image loszuwerden. Man merkt das auch am Personal, das intelligenten statt devoten Service bieten soll und für japanische Verhältnisse beinah leger auftritt. Das funktioniert schon ganz gut, wenn auch mit Rückfällen. Da klingelt zum Beispiel einmal jemand an der Zimmertür, nur um zu sagen, er habe einen Fehler gemacht, es tue ihm entsetzlich leid. So etwas hört man ja immer gern, aber doch nicht aus dem Mund eines jungen Mannes, der einem zum ersten Mal begegnet und trotz geduldiger Nachfragen nicht verständlich machen kann, worin denn nun sein Fehler lag. Vielleicht klingelt er ja bei jedem Gast und holt sich im Namen der Belegschaft eine Blanko-Absolution für alle Fälle.