Intellektuelle, ruft der Volksmund, sind Schwarzseher und Neinsager in einer Person. Wo große Mächte glücklich walten, wittern sie Krieg, Abgrund und Verrat. Wenn alle Ja sagen, sagen sie Nein, und das aus Prinzip. Dieses Urteil über machtscheue Intellektuelle ist alt, aber seit dem Irakkrieg gilt es nicht mehr. Eine erkleckliche Schar von Schriftstellern und Gelehrten hat der Intervention geistigen Flankenschutz gewährt, hat sie herbeigeschrieben und zuweilen auch: herbeigesehnt. Darunter waren nicht nur die neokonservativen Kohorten der Bush-Administration, sondern auch liberale Falken, die der obszönen Duldsamkeit gegenüber Despoten ein Ende machen und der Demokratie auf die Sprünge helfen wollten. Zur Not auch mit dem bewaffneten Arm der Freiheit, mit Hilfe der U. S. Army.

Einer dieser Kriegsbefürworter, vielleicht der prominenteste, heißt Michael Ignatieff (ZEIT Nr. 27/05). Der Kanadier gehörte zum Jetset der internationalen Geschichts- und Politikwissenschaft, und als liberaler Menschenrechtspolitiker wurde er auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Für die Bush-Administration war Ignatieff Gold wert, kam er doch aus dem gegnerischen Lager. Wer hätte einer verunsicherten Bevölkerung die Kriegszweifel wirkungsvoller ausreden können als ein untadeliger Liberaler? Nun hat Ignatieff in der New York Times ein Reuebekenntnis abgelegt und Abbitte geleistet: "Warum es ein Fehler war, für den Irakkrieg zu sein." Das Eingeständnis ehrt Ignatieff, und es ist ein Akt intellektueller Redlichkeit auch dann, wenn er noch andere Absichten verfolgen sollte. Denn inzwischen macht er als Politiker Karriere und sitzt als stellvertretender Vorsitzender der Liberalen im kanadischen Parlament, mit Blick nach ganz oben, auf das Amt des Ministerpräsidenten.

Es ist eindrucksvoll, wenn Ignatieff seine Motive darlegt, die ihn damals an die Seite von George W. Bush getrieben hatten: Saddam Husseins Giftgaseinsatz gegen die kurdische Bevölkerung, die grauenhafte Berichte von Exilirakern, auch der tägliche Terror eines sadistischen Folterregimes. Aber moralische Empörung, schreibt Ignatieff, sei kein guter Ratgeber für politisches Handeln, und diese Lektion habe er lernen müssen. Sonderbar allerdings klingt die Feststellung, auch sein eigenes Fach, die Politikwissenschaft, habe versagt und verspreche mehr, als es halten könne. Das klingt verflixt nach Selbstrechtfertigung, wie überhaupt Ignatieff manchmal den Eindruck erweckt, er habe aus moralisch ehrenwerten Gründen geirrt, während die Irakkriegsgegner aus niederen Motiven recht behalten hätten – weil sie Amerika hassten oder Bush einen Kampf ums Öl unterstellten.

Diese Legende stellt die Tatsachen allerdings auf den Kopf. Kein Kriegsgegner hat die Lage im Irak beschönigt, keiner am verbrecherischen Charakter des Regimes gezweifelt, am Elend der ausgemergelten Bevölkerung. Keiner hat das Recht zum Tyrannenmord in Abrede gestellt oder das Versagen der Vereinten Nationen bestritten. Doch noch mehr als den Krieg fürchteten Bushs Gegner seine Folgen. Er werde die Welt nicht sicherer, sondern unsicherer machen und eine Kettenreaktion in Gang setzen, die den Irak in ein Trainingscamp von al-Qaida verwandeln könnte. Nicht minder ernsthaft waren die Warnungen vor dem Auseinanderbrechen des Landes und dem Hass religiöser Fanatiker.

Auch die brutale Rhetorik der Bush-Regierung hat die Zweifel an der Lauterkeit ihrer Motive nicht gerade zerstreut. Ganz zu schweigen von der hegemonialen Arroganz, mit der sie die UN als Quatschbude denunzierte und auf dem ius ad bellum beharrte. Kriegsgründe wechselten je nach Wetterlage, und der Plan, den Irak zu besetzen, um die Nahostkrise mit Feuer und Schwert zu lösen, lag schon in der Schublade, längst vor dem 11. September.

Dass der Irakkrieg richtig, aber die Durchführung falsch war, dies ist der verzweifelte Trost, den sich Bellizisten heute spenden. Tatsächlich waren sie Opfer ihres Weltbildes. Sie glaubten, dass Kriege, die die Welt verbessern und dem westlichen Zwilling aus Demokratie und Kapitalismus zur Durchsetzung verhelfen, keiner Rechtfertigung bedürfen, sondern nur einer Koalition der Willigen. Immerhin, Michael Ignatieff hat sich korrigiert. Dass deutsche Intellektuelle seinem Beispiel folgen, ist wenig wahrscheinlich. So stehen ihre Einlassungen weiterhin im Raum, zum Beispiel Wolf Biermanns Spott über die Kriegsgegner, an ihrem deutschen Wesen solle wieder einmal die Welt genesen. Und auch von anderen Beihelfern, etwa von Enzensberger, erführe man gern, was sie heute über einen Waffengang denken, der ungezählten Menschen den Tod gebracht hat. Aber so ist es. Intellektuelle haben einem verheerenden Krieg die höheren Weihen gespendet und sehr laut Ja gerufen. Nach den Folgen befragt, sagen sie schnell wieder Nein.