DIE ZEIT: Trotz der Unruhe an den Finanzmärkten sind in dieser Woche auffällig fröhliche Stimmen zu hören. Einige Zentralbanker und Ökonomen glauben, das Schlimmste sei überstanden.

Barry Eichengreen: Diese Zuversicht ist übertrieben. Es gab jetzt ein gewisses Durchatmen, nachdem eine Reihe von Zentralbanken Geld in den Markt geschossen hatte. Zugleich aber gibt es auch neue Nachrichten über Verluste. Immerhin haben sich die Preise von CDOs und Subprime Mortgages, also jenen riskanten Finanzprodukten rings um Wohnungshypotheken, die in den USA die ganze Krise ausgelöst haben, noch nicht wieder erholt. Es könnten also noch weitere Bankrotte und Kreditstopps bei Finanzinstituten folgen, die solche Papiere halten.

ZEIT: Das geben auch die Optimisten zu. Sie betonen aber, dass nur sehr, sehr wenige Anlageformen überhaupt von der Krise betroffen sind – eben die hoch riskanten US-Hypothekenkredite und die Wertpapiere, die daraus abgeleitet wurden.

Eichengreen: Die Frage ist doch, in welchem Umfang sich die Probleme auf andere Bereiche ausbreiten, etwa auf den Markt für Kredite an Unternehmen, die Investorenzuversicht im Allgemeinen, den Aktienmarkt. Das tun sie bisher nur eingeschränkt. Es ist aber noch zu früh, um zu sagen: Mehr wird nicht passieren. Die Probleme könnten sich ausbreiten, wenn das Bankensystem angegriffen ist. Banken, die am Hypothekenmarkt in Schwierigkeiten geraten, haben vielleicht gar nicht mehr die Möglichkeit, ihre übrige Kreditvergabe im gewohnten Umfang weiter zu betreiben. Die andere Gefahr ist, dass die Probleme am Hypotheken- und Wohnungsmarkt selber die Konjunktur dämpfen, denn bei geringeren Wachstumserwartungen werden auch Kredite an Unternehmen vorsichtiger vergeben.

ZEIT: Können die Probleme am amerikanischen Wohnungsmarkt so sehr auf die amerikanische und auf die Weltkonjunktur drücken?

Eichengreen: Die Weltwirtschaft läuft sehr, sehr gut. In den USA redet man darüber, dass diese Probleme im laufenden Jahr ein Prozent des dortigen Wirtschaftswachstums kosten könnten. Doch die USA machen ein Viertel der Weltwirtschaft aus, und die gesamte Weltwirtschaft wächst den Prognosen zufolge um fünf Prozent. Ein Prozent weniger Wachstum in den USA bedeutet dann bloß noch ein Viertel Prozent weniger Wachstum in der Welt. Freilich: Das stimmt alles nur, wenn nicht noch zusätzliche Probleme auftauchen. Das amerikanische Wachstum könnte durchaus auch noch stärker einbrechen, es könnten noch weitere Landminen im Finanzsystem auftauchen.

ZEIT: Aber insgesamt ist es kein schlechter Zeitpunkt für diese Korrektur am Weltfinanzmarkt?

Eichengreen: Ja, vor ein paar Jahren noch hing die ganze Weltwirtschaft an der Entwicklung in den Vereinigten Staaten und an China. Zuletzt sind auch Europa und Japan wieder stärker gewachsen.

ZEIT: Es gibt noch weitere gute Nachrichten aus der Weltwirtschaft. Wir reden jetzt alle von der kurzfristigen Kreditklemme – aber langfristiger gesehen, gibt es vor allem in den Schwellenländern private Anleger und staatliche Fonds, die händeringend nach Anlagemöglichkeiten für ihr vieles angespartes Kapital suchen. Entschärft das nicht die Krise?

Eichengreen: Ja, da kommt eine Menge Geld aus Schwellenländern und Öl exportierenden Ländern, dessen Besitzer nach Anlagemöglichkeiten suchen. Ich glaube aber nicht, dass diese Investoren im Augenblick riskante Derivatprodukte oder Ähnliches aufkaufen würden. Diesem Sektor ist also nicht geholfen. Aber es ist schon ein Wunder, dass die Reaktion an den Aktienmärkten in den vergangenen Tagen nicht stärker ausgefallen ist. Offenbar gibt es immer noch viele Marktteilnehmer, die bei fallenden Kursen gleich wieder nachkaufen. Nicht zuletzt, weil sie auf die guten globalen Wirtschaftsaussichten schauen.