DIE ZEIT: Herr Vizekanzler, blicken Sie neuerdings wieder gespannt nach Kärnten?

Wilhelm Molterer: Als Urlaubsland?

ZEIT: Eher als politischen Unruheherd?

Molterer: Das BZÖ wird wissen, was es tun will – vielleicht wissen sie es aber auch nicht. Das wird wie immer davon abhängen, was Jörg Haider will oder nicht will.

ZEIT: Gesetzt den Fall, plötzlich ließe sich wieder eine Mehrheit rechts der Mitte schmieden?

Molterer: Nein, wir haben eine Koalition, und es ist ganz klar mein Ziel, bis 2010 in dieser Koalition zu arbeiten. Alles andere hat keinen Sinn. Danach ist grundsätzlich und unter der Voraussetzung, dass die ÖVP wieder die Nummer eins ist, eine Koalition mit allen im Parlament vertretenen Parteien möglich. Also ist auch eine Koalition rechts der Mitte denkbar, wenn die Voraussetzungen dafür stimmen. Die sind in einigen Bereichen derzeit aber nicht gegeben.

ZEIT: Beispielsweise?

Molterer: Mit Strache in der Europapolitik etwa, um nur ein Thema zu nennen.

ZEIT: Es sind ja in jüngster Vergangenheit über Nacht die tollsten Veränderungen eingetreten. Schließen Sie bis 2010 eine Überraschung aus?

Molterer: Ja, aus einem einfachen Grund: Derzeit haben wir in der Regierung noch nicht jenes Maß an Außenwirkung erreicht, um das vornehm zu formulieren, das ich will. Keine der beiden Parteien hat derzeit das Recht zu spekulieren, sondern nur die Pflicht zu arbeiten. Wir müssen klarer herausstreichen, wo die großen Themenfelder liegen.

ZEIT: Weniger vornehm gesagt, ist der Eindruck, den die Regierung bislang hinterlassen hat, eher katastrophal.

Molterer: Das sehe ich nicht ganz so. Ich habe eher den Eindruck, dass bei den Leuten eine Sehnsucht nach Lösung vorherrscht. Wir schwanken immer in der Beurteilung zwischen Crash-Szenario und Kuschelkurs. Würde ich aber behaupten, es sei alles eitel Wonne, würden die Leute zu Recht sagen: Jetzt hat er jeden Realitätssinn verloren.

ZEIT: Wo also liegen die großen Themenfelder, auf die Sie sich konzentrieren wollen?

Molterer: Wir haben zum Beispiel in Europa ein großes Auseinanderklaffen zwischen Lohn- und Gewinnquote. Die Schere wird größer. Wenn wir das nicht wieder zusammenführen, birgt dieser Bereich eine ökonomische und gesellschaftliche Sprengkraft sondergleichen.

ZEIT: Was schlagen Sie vor?

Molterer: Es gibt zwei Grundmodelle. Das eine sagt, es muss alles über die Lohnpolitik geregelt werden, das ist der sozialistische Ansatz. Oder mein Gegenmodell, das eine Kombination vorsieht aus Lohnpolitik, die sich an der Produktivität der Unternehmen orientiert, und einer zusätzlichen Erfolgsbeteiligung der Mitarbeiter an den Unternehmen. Damit ließe sich die Schere wieder schließen. Aber nicht durch die klassische Auseinandersetzung zwischen Arbeit und Kapital, weil sich das ein Standort in der globalisierten Welt nicht mehr leisten kann, sondern durch einen neuen Ansatz.

ZEIT: Ist das einer der Ansätze, mit denen sich eine moderne konservative Partei, welche die ÖVP ja werden will, profilieren kann?

Molterer: Langfristig gibt es aus meiner Sicht zwei Perspektiven in der Entwicklung des Landes. Die eine verlangt eine neue Definition des Staates im Sinne eines starken Leistungsstaates und die andere eine neue Definition der gesellschaftlichen Verantwortung.