Während der Monate, die ich in New Orleans lebte, liebte ich mehr Menschen, als ich je zuvor in meinem Leben geliebt hatte. Ich ertrank in Gewässern von Liebe.« Helen Bynum, Anfang 20, hat ihr Zuhause verlassen und ist ins Unbekannte aufgebrochen. In New Orleans gerät sie in einen Strom von Beziehungen, von denen zwei ihr weiteres Leben prägen: Len, den sie heiraten wird, und Nina, die als Freundin innerlich anwesend bleibt. Gegen Schluss überspringt das Buch die Jahrzehnte, und plötzlich passiert etwas, das Helen die Zeit in New Orleans mit neuen, fremden Augen sehen lässt.

Wäre dies eine mögliche Zusammenfassung von Paula Fox neu auf Deutsch erschienenem Roman Der Gott der Alpträume? Sie könnte auch ganz anders gehen: Als Helen Bynum und ihre Mutter die Nachricht erhalten, Helens Vater – der seit 13 Jahren nicht mehr bei ihnen lebt – sei gestorben, nehmen beide dies als Signal für Helens Abschied. Für sie wird der Aufbruch vor allem zum Bruch mit der Mutter und deren eiserner Gewohnheit, zu jedem noch so bösen Spiel gute Miene zu machen. Längst lebt Helen in der »Gewissheit, dass es zum Teil der aufdringliche und tyrannische Optimismus meiner Mutter gewesen war und als dessen Folge ihr verhärtetes Herz, das meinen Vater seinem Elend überlassen, ihn damit allein gelassen und am Ende von uns fortgetrieben hatte.«

Viel später, am Ende des Buches, kurz bevor sie 73-jährig stirbt, schreibt diese Mutter Helen einen Brief, für die Tochter »eine Rasierklinge, die in mich einschnitt, geräuschlos, tiefer und tiefer«; einen Brief als leise Selbstaussage, nicht als grollende Abrechnung. Zwischen Helens Weggang und diesem Brief am Ende spannt sich die Linie von Helens Leben – einem Leben, das Lichtjahre entfernt von ihrer Mutter und weitgehend ohne sie stattfand und dennoch gebettet und eingepasst ist in den Bogen der Mutter-Tochter-Geschichte.

Jetzt müssten weitere Versuche der Zusammenfassung folgen: dass das Herzstück des Buches eigentlich Helens Freundschaft mit Nina Weir ist, der so viel bestimmteren Gleichaltrigen, in deren Reflexion der Zweite Weltkrieg – wir sind im Jahr 1941 – als unheimliche Hintergrundgestalt sichtbar wird und die die ganze Kaufhausetage, in der Helen arbeitet, in Aufregung versetzt, als sie erhobenen Hauptes aus dem Trinkwasserbrunnen trinkt, der mit »Nur für Schwarze« gekennzeichnet ist.

Man könnte Zusammenfassungen sammeln oder es irgendwann aufgeben und es schlicht als eines der verwirrenden Eigenarten von Paula Fox’ Büchern begreifen, dass sie nicht resümierbar sind, und dann wäre man endlich bei Paula Fox angelangt, deren Romane Funde sind, über die man verschiedene Fangnetze werfen kann, in denen allenfalls ein paar trügerische Bruchstücke liegen bleiben, die das Ganze nicht verraten.

So geht der Roman mit Helen seiner anarchische Wege durch New Orleans, kreuz und quer durch Zufallsbegegnungen und zufällig Assoziiertes, durch Träume und Albträume, durch das Chaos des nicht domestizierten Lebens; wie anderswo spielen wieder Armut und Unbehütetheit eine Rolle und Gewalt gegen die wie auch immer Andersartigen. Als Claude, ein Freund, seine Homosexualität mit dem Tod bezahlt, fällt ein kurzes grelles Licht auf den amerikanischen Rassismus.