Kürzlich schickte mir ein Freund aus Berlin eine Ansichtskarte - sie zeigt ein Gemäuer mit der Unterschrift »Bunker. Aus der Folge Facade«. Es sollte wohl eines jener »ulkigen« Plaste-und-Elaste-Erinnerungsstücke sein, mittels deren man sich ob Trabi oder Spreewälder Gurken die DDR gern zu kommoder Lächerlichkeit zurechtfeixt. Jedoch: Dieser graue Betonbunker war alles andere als komisch. Er war die Fenster schräge mit Brettern vernagelt, ein Luftloch nach oben in den fünfziger Jahren ein Stasigefängnis - da saßen in grässlichen Zellen unter anderem politische Häftlinge.

Das war zwar viele Jahre vor dem Mauerbau. Doch was da an dem »antifaschistischen Schutzwall« geschah, mit dem die Bonzen ihr Volk einmauerten, das ihr Paradies floh entsprach derselben Brutalität: Sie waren entschlossen, auf Menschen, auch auf Frauen und Kinder zu schießen, die gegen ihr System mit den Füßen abstimmten.

Doch in diesen frühen Jahren 1950 bis 1958 lebte ich in Ost-Berlin. Wir alle gingen, abendlich gekleidet, an diesem Bunker vorbei zu den berühmten Brecht-Premieren des Berliner Ensembles, das damals im Deutschen Theater in der Schumannstraße gastierte, zum nicht geringen Missvergnügen des Intendanten Wolfgang Langhoff, denn das Theater am Schiffbauerdamm wurde Brecht ja erst 1954 zugesprochen.

Alle Stephan Hermlins, Hans Mayers, Herbert Iherings flanierten in festlicher Stimmung zur Mutter Courage oder zum Kreidekreis an dem finsteren Elends-Klotz vorbei, bereit zu Kunstgenuss und Applaus.

Wir? Ich. Hier soll nicht die Rede sein von anderen, sondern von mir.

Was geschah da in einem, der sein Wissen also doch wohl: Gewissen abgab wie den Mantel an der Theatergarderobe? Ich berichte so gerne und gar nicht unstolz davon, dass ich 1950 aus freien Stücken von West-Berlin (wo ich 1949 Abitur gemacht hatte) nach Ost-Berlin umzog, nach despektierlichen Auftritten mit roter Nelke im Knopfloch am Askanischen Gymnasium in Berlin-Tempelhof und frechen Reden im Rias-Schülerparlament. Ich attestiere mir das Motiv Widerwille gegen Adenauer-Deutschland, und es ist ja wahr, dass diese deutsche Hälfte durchsetzt war von Exnazis und geprägt von restaurativer Kulturdumpfheit. Doch das ist ein anderes Thema.

Ich war jung, noch nicht zwanzig doch Jugend allein ist keine Qualität an sich, und man bleibt auch nicht immer zwanzig. Bald war ich nicht nur älter, Student der Humboldt-Universität und schon Lektor im zweitgrößten belletristischen Verlag der DDR, Volk und Welt, sehr bald war ich sogar dessen stellvertretender Cheflektor. Also durchaus Teil des Apparats, durchaus mit Privilegien eigene Wohnung, Mitglied des Kulturbund-Clubs wie des Presse-Clubs, wo die Nomenklatura markenfrei recht gut aß.