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Kürzlich schickte mir ein Freund aus Berlin eine Ansichtskarte - sie zeigt ein Gemäuer mit der Unterschrift »Bunker. Aus der Folge Facade«. Es sollte wohl eines jener »ulkigen« Plaste-und-Elaste-Erinnerungsstücke sein, mittels deren man sich ob Trabi oder Spreewälder Gurken die DDR gern zu kommoder Lächerlichkeit zurechtfeixt. Jedoch: Dieser graue Betonbunker war alles andere als komisch. Er war die Fenster schräge mit Brettern vernagelt, ein Luftloch nach oben in den fünfziger Jahren ein Stasigefängnis - da saßen in grässlichen Zellen unter anderem politische Häftlinge.

Das war zwar viele Jahre vor dem Mauerbau. Doch was da an dem »antifaschistischen Schutzwall« geschah, mit dem die Bonzen ihr Volk einmauerten, das ihr Paradies floh entsprach derselben Brutalität: Sie waren entschlossen, auf Menschen, auch auf Frauen und Kinder zu schießen, die gegen ihr System mit den Füßen abstimmten.

Doch in diesen frühen Jahren 1950 bis 1958 lebte ich in Ost-Berlin. Wir alle gingen, abendlich gekleidet, an diesem Bunker vorbei zu den berühmten Brecht-Premieren des Berliner Ensembles, das damals im Deutschen Theater in der Schumannstraße gastierte, zum nicht geringen Missvergnügen des Intendanten Wolfgang Langhoff, denn das Theater am Schiffbauerdamm wurde Brecht ja erst 1954 zugesprochen.

Alle Stephan Hermlins, Hans Mayers, Herbert Iherings flanierten in festlicher Stimmung zur Mutter Courage oder zum Kreidekreis an dem finsteren Elends-Klotz vorbei, bereit zu Kunstgenuss und Applaus.

Wir? Ich. Hier soll nicht die Rede sein von anderen, sondern von mir.

Was geschah da in einem, der sein Wissen also doch wohl: Gewissen abgab wie den Mantel an der Theatergarderobe? Ich berichte so gerne und gar nicht unstolz davon, dass ich 1950 aus freien Stücken von West-Berlin (wo ich 1949 Abitur gemacht hatte) nach Ost-Berlin umzog, nach despektierlichen Auftritten mit roter Nelke im Knopfloch am Askanischen Gymnasium in Berlin-Tempelhof und frechen Reden im Rias-Schülerparlament. Ich attestiere mir das Motiv Widerwille gegen Adenauer-Deutschland, und es ist ja wahr, dass diese deutsche Hälfte durchsetzt war von Exnazis und geprägt von restaurativer Kulturdumpfheit. Doch das ist ein anderes Thema.

Ich war jung, noch nicht zwanzig doch Jugend allein ist keine Qualität an sich, und man bleibt auch nicht immer zwanzig. Bald war ich nicht nur älter, Student der Humboldt-Universität und schon Lektor im zweitgrößten belletristischen Verlag der DDR, Volk und Welt, sehr bald war ich sogar dessen stellvertretender Cheflektor. Also durchaus Teil des Apparats, durchaus mit Privilegien eigene Wohnung, Mitglied des Kulturbund-Clubs wie des Presse-Clubs, wo die Nomenklatura markenfrei recht gut aß.

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Und ich wusste. Keineswegs kann ich mich in die angenehme Mär einspinnen, ich hätte immer nur Herder oder Aragon gelesen, Oistrach gehört und den Pergamonaltar besichtigt. Im Gegensatz nämlich zu meinen späteren Kollegen bei Rowohlt oder in der ZEIT-Redaktion habe ich damals schon Arthur Koestlers Sonnenfinsternis gelesen, André Gides Zurück aus Sowjetrußland oder Essays von Ignazio Silone. Man konnte damals ungehindert nach West-Berlin fahren, Bücher und Zeitschriften kaufen oder leihen, Filme und Theaterstücke sehen. Was ich alles reichlich und häufig tat. Aber in meinem Kopf muss eine Art Filter gewesen sein: Ich nahm das alles wahr, wohl auch für wahr, aber ich ließ es nicht in mich ein. Der Monat, der fraglos wichtige Texte publizierte, war, wenn nicht »der Feind«, dann doch »ungültig« - es galten Les Lettres Françaises, die von Louis Aragon glänzend inszenierte kommunistische Kulturzeitschrift.

Wie funktionierte das? Hatte jener Filter einen kleinen Schalter, mit dem man einfallendes Licht ausknipste? Die Wahrheit ist kruder. Ich log mir etwas vor. Im Sinne von Margret Boveris Wir lügen alle auf eine andere Diktatur bezogen lebte und arbeitete ich als »anständiger Lügner«. Im hochgemuten Selbstbewusstsein, nicht Mitglied der SED zu sein ein veritabler »Sonderfall« für die vergleichsweise hohe Position , tat ich genau das, was ich Jahre später (und bis heute) den großen Furtwänglers und Gründgens wie den kleinen Mitarbeitern am »Reich« vorgehalten habe: Ich schmuggelte Bücher ins schließlich weitgehend von mir bestimmte Verlagsprogramm und stibitzte mir diesen Lorbeer.

Auch das, allerdings, ist wahr: Es bedurfte einiger Mogelkünste, jene Autoren durchzusetzen, mit denen sich später viele westdeutsche Verlage schmückten Eluard und Majakowski, Tibor Déry und Bulgakow, Garca Márquez und Amado und Reiner Kunze - von den schwer zu ergatternden (und noch schwerer bei der Politbürokratie durchzusetzenden) »West-Lizenzen« ganz zu schweigen William Faulkner und Mouloud Feraoun so gut wie Kurt Tucholsky (die Dokumente der Schlacht um diese Edition füllen mehrere Leitz-Ordner). Ja, das war ehrbar wie riskant.

Das »Zeugnis«, das mir die mich beobachtende Stasi ausstellte, kann sich sehen lassen. Da wird mir attestiert, dass ich ein »netter, ernster und höflicher Mensch« sei, der keine Frauenbekanntschaften habe, nicht trinke und nicht rauche (was alles drei nicht stimmte) - vor allem aber, dass ich aufgrund meines »Intellekts, Auftretens und Arbeitseifers stets das Vorbild der jungen Lektoren« gewesen sei und meine Prinzipien »einer demokratisch-bürgerlich orientierten, künstlerisch hochstehenden Literatur« immer verfolgt habe. Nun ja.

Vermerkt wird auch, dass ich es abgelehnt habe, Mitglied der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft zu werden. Und hier wird es prekär. Denn das war eine der »gesellschaftlichen Grundorganisationen«, in denen Mitglied zu sein so allgemein selbstverständlich war, wie es das Amen in der Kirche ist. Das zu verweigern war freches Sakrileg und mein recht keckes »Ich liebe keine Einbahnstraßen, ich gehe da erst rein, wenn es umgekehrt auch eine Gesellschaft für sowjetisch-deutsche Freundschaft gibt« nicht einmal ganz ungefährlich. Diese Weigerung habe ich als »Mut« deklariert. Doch schaukelt der selbst verliehene Mut-Orden nicht doch recht schiefschultrig? Was wäre denn schon die ärgste Konsequenz gewesen?

Doch nicht das Lager in Workuta.

Die Sache erinnert fatal an eine gespenstische Anekdote, die der Emigrant Alfred Kantorowicz mit gutem Grund oft erzählte, zurückgekehrt aus den USA in die DDR, die er 1956 wieder verließ: Pogrom in Galizien - ein Dorf wird gebrandschatzt - der Rabbiner wird in einen Kreidekreis gestellt - es wird ihm bei Androhung der Todesstrafe verboten, den zu verlassen - Frau und Tochter werden vor seinen Augen vergewaltigt - später findet man ihn lächelnd im Kreidekreis stehen: »Aber Rebbe, sie haben das Dorf abgebrannt, 38 Leute ermordet, deine Frau, deine Tochter vergewaltigt was stehst du da und lächelst?«

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»Ja, und sie haben mich mit dem Tode bedroht, wenn ich aus dem Kreidekreis herausträte - aber sie haben nicht gemerkt, dass ich meine Fußspitze über den Rand geschoben habe.«

Die Fußspitze also. Sie hieß bei mir: ein Buch mehr, eine leicht waghalsige (bald verbotene) Kolumne in der Berliner Zeitung. Das verbrannte Dorf aber hieß Bautzen oder Workuta. Dorthin, nach Sibirien, hatte man den nicht linientreuen Leo Bauer, Intendant des Ostberliner Deutschlandsenders, verbracht. Ich hatte ihn gut gekannt, mit ihm gegessen, diskutiert. Nun war er »weg« und gefragt habe ich nicht. Auch nicht, als Joachim Schwelien, der befreundete Chefredakteur des Nachrichtenbüros ADN, abgesetzt wurde. Auch nicht, als der junge Lyriker Horst Bienek verhaftet wurde, er verschwand ebenfalls für lange Jahre in Workuta. Verhaftet wurde er, Assistent am Berliner Ensemble, übrigens in der Theaterkantine - sein Chef, Bertolt Brecht, protestierte mit keiner Silbe, und die Mutter Courage Helene Weigel blieb stumm.

Aber ich will gar nicht nach dem verknarzten Wurzelwerk der Altvorderen fragen, nicht nach der somnambulen Trinkerin Anna Seghers, dem blinden, geduckten Arnold Zweig, dem seine eigenen frühen Gedichte verbietenden Johannes R. Becher. Ich habe das getan in langen Interviews mit Stefan Heym oder Jorge Amado oder Jorge Semprún: wieso sie schweigend mitgemacht haben, uns Jüngeren nie Zeugnis gaben etwa von den Stalinprozessen 1935.

Ich will MICH befragen. Kein »Ich wusste davon nichts« ist vorzutragen, mit dem Millionen Deutsche sich exkulpierten nach 1945.

ICH wusste von abgesetzten Stücken, von zurückgezogenen Filmen, von verbotenen Büchern (oft genug »meine« des Verlags Volk und Welt).

Dabei ich die Fußspitze über den Kreiderand streckte, mich freute über ein subversives Gedicht in einer Anthologie, ein Böll-Buch im Verlagsprogramm, über eigene kleine Unverschämtheiten auch. So beschied ich den mich oft bedrängenden SED-Parteisekretär er war Vertriebsleiter und kam ebenso oft drucksend um »mehr West-Lizenzen« bittend, weil diese Bücher sich verkauften , den beschied ich also mit einem »Sie reden immer von der Partei, in die ich eintreten soll welche meinen Sie eigentlich? Es gibt mehrere Parteien in der DDR.«

Kümmerliches Aufmüpfen.

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Ich wusste aber noch ganz anderes. Vermutlich war ich einer von sechs bis acht Menschen in der DDR, die ganz genaue Kenntnis hatten vom Würge-Elend der Eingekerkerten, der Not, dem Hunger, den Epidemien und dem Tod der politischen Gefangenen des Regimes. Mein Vormund und Pflegevater, der evangelische Pastor Hans-Joachim Mund, SED-Mitglied, ehemaliger ZK-Mitarbeiter (solche bizarren Biografien hielt das Nachkriegsdeutschland im Angebot), war auf der Basis eines heimlichen Konkordats es hieß nicht so, war wohl nur ein stillschweigendes Abkommen zwischen der evangelischen Kirchenleitung des Propsts Grüber und dem Polit-Büro zum Anstaltspfarrer sämtlicher politischen Haftanstalten der DDR berufen worden - von Bautzen bis Brandenburg, in meiner Erinnerung waren es fünfzehn. Er als Einziger hatte »freien Zutritt«, durfte Gottesdienste abhalten, die Beichte abnehmen und das Entscheidende hatte das verbriefte Recht zu Einzelgesprächen mit Häftlingen in seinem Pastorenraum. Dass ich auf diese Weise später, nach dessen Freilassung, seinen damaligen Chorleiter Walter Kempowski in meinen Rowohlt-Jahren kennenlernte, ihn als Autor »entdeckte« und förderte, ist inzwischen Literaturgeschichte und gehört im Detail nicht hierher - Kempowski hat das jüngst noch einmal in dem Sammelband Das erste Buch dokumentiert.

Was aber sehr wohl hierher gehört: Das Grauen dieser Lager (seinerzeit soeben von den sowjetischen Militärs übernommen) war mir mehr als präsent. Oft genug habe ich den Pastor Mund auf diesen entsetzlichen »Dienstreisen« begleitet, im Hotel auf das schließlich bleich hereinwankende, zitternde Gespenst gewartet, ihn nachts schweißnass schreien hören und um sich schlagen sehen, denn mein Pflegevater und ich es ist inzwischen kein Geheimnis mehr waren einander ja mehr als Vormund und Mündel. Seine Ausbrüche über Hinrichtungen, Eiskellerfolter, Tuberkuloseepidemien (er hat sich dort schließlich angesteckt), die er miterlebte wahrlich, das hatte eine andere Dimension als der unterdrückte Band IV meiner Tucholsky-Ausgabe.

Wie gerne möchte ich mogeln. Mich zu einem kleinen Helden stilisieren, der Kassiber schmuggelte und von den Quäkern Medikamente aus West-Berlin holte (sie waren die Einzigen, die mit Geldmitteln halfen) oder Orangen und Bananen. Mit denen setzte sich der Herr SED-Pfarrer (er hatte der Dienlichkeit wegen auch einen hohen Volkspolizeirang) dann in die »Empfangszelle«, schälte sie und reichte sie einem der Verdammten. Für mich, der ja wie alle DDR-Bürger vor dem Mauerbau ungehindert nach West-Berlin mit der S-Bahn fahren konnte, war das wenig gefährlich, es brauchte etwas Schläue, rechtzeitig umzusteigen, wenn Volkspolizei den aus Neukölln einfahrenden Zug und die Taschen der Hausfrauen kontrollierte. Vielleicht war gar etwas Lust am Indianerspiel mit dabei, etwa, als ich Kempowskis Mutter in Hamburg einen aus Bautzen herausgeschmuggelten Brief ihres Sohnes überbrachte - sie hielt mich übrigens für einen Agenten und ließ mich nicht durch die Tür.

Mogelei bleibt es. Hätte ich nicht aufschreien müssen? Hätte ich nicht zum »Feind« Rias, zu den Kollegen vom Monat, zum bösen Tagesspiegel gehen müssen? War es nicht immer stiekum die berühmte Tafel Schokolade, die Emma Schulze 1935 dem Nachbarskind Sarah Goldstein aus dem 3. Stock zusteckte, als die eigentlich ganz nette Familie verreisen musste? Wäre nicht, als man vom Klappentext »meiner« Majakowski-Ausgabe dessen Selbstmord eliminierte, die passende Gelegenheit gewesen, lautstark auf einer Verlagskonferenz von anderen Toden zu künden? Was war das doch für ein krummer Mut, als ich im Seminar 1953 bei einer Gedenkminute »Wir erheben uns alle in Trauer um den Tod des großen Führers der Sowjetunion Josef Stalin« ostentativ sitzen blieb? Oder als ich mich während einer Ungarnreise 1954 »und jetzt besichtigen wir das große Stalin-Denkmal« weigerte, den Bus zu verlassen mit den Worten: »Ich will den Massenmörder nicht sehen«? Das ist doch alles Marianne-Hoppe-Hoppelei, die nie mitgesungen haben will beim Horst-Wessel-Lied: »Wir dachten nur an die Kunst.«

In Parenthese: bitte keinen abermaligen Aufguss der Historikerdebatte - ich kenne den Unterschied beider Diktaturen. Wobei allerdings jene Debatte an einem semantischen Missverständnis krankte: Vergleichen bedeutet nicht gleichsetzen. Man kann sehr wohl die berüchtigten Äpfel mit Birnen vergleichen, sogar das Finnische mit Kisuaheli eben um herauszufinden, dass sie sich unterscheiden. Ich dachte keineswegs »nur an die Kunst« wiewohl ich ein besessener Verlagsmensch war, dem der kleinste Gedichtband so viel Entzücken und Befriedigung brachte wie die vielbändige Ausgabe von Roger Martin du Gards roman-fleuve Die Thibaults.

Zugegeben, die Mund-Situation war ein Extrem. Er zumindest wäre ja »aufgeflogen«, hätte ich in Rias-Mikrofone geplärrt (Mund konnte sich Jahre später nur wenige Minuten vor seiner Verhaftung durch Flucht in den Westen retten). Das Extrem allerdings quälte mich hinreichend - man darf es getrost Gewissensnot nennen. Weil ich in dieser Not nicht mehr ein noch aus wusste, besuchte ich Margret Boveri in ihrem Haus in Dahlem, Rat suchend. In meinem Fall indes verhielt sich diese hochintelligente Frau stupend töricht. Sie ermunterte mich, zur Stasi zu gehen und dort meine Dienste anzubieten, denn »man kann den Apparat nur von innen verändern«. Man stelle sich vor, ich wäre diesem leichtfertigen Rat gefolgt! Ein Leben lang ein Gebrandmarkter wäre ich gewesen.

Doch an welcher Grenzlinie schlingerte ich entlang? Jene später von mir Interviewten auch der jugoslawische Kunstschriftsteller Oto Bihalji-Merin hatten sich unter meinen bohrenden Fragen immer hinter eine Festungsmauer zurückgezogen, die schlecht zu zernieren war: »der Glaube« - sie hatten an den Kommunismus, an die Sowjetunion, an Stalin »geglaubt« Irrationalismus der Ratio. Ich aber hatte gar nie diesen rettenden Glauben, war auch nicht Kommunist - ehestens ein Literat, der das Soziologische durchaus einbezog in die Kunstbemessung. Marxist?

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Selbst das wäre wohl eine zu volltönende Bezeichnung, dazu hatte ich zu wenig Marx (oder Trotzkij oder Rosa Luxemburg) gelesen mit 22 oder 25 Jahren. Was also war ich?

Es bietet sich ein Erklärungsmodell an, das ich von dem großartigen Interpreten Rüdiger Safranski entleihe. Der hat zum 60. Geburtstag von Peter Sloterdijk den Kern von dessen Gedanken von der Conditio humana freigelegt, derzufolge der Mensch vom Mutterleibe an ein Wesen ist, das von innen kommt, folglich unvermeidlich seine späteren Lebensräume zu Innenräumen ausgestaltet. Deswegen bedeutet Erwachsenwerden »Sphären zu bilden in erweiterten Kreisen, in Familien, Bünden, Beziehungen, Betrieben, Subkulturen, Nationen«. Das könnte durchaus zutreffen für jemanden mich , der den Horror der letzten Kriegsjahre unbehütet, mit 13, 14 Jahren, erlebt hat, der mit 15 ohne Eltern oder Verwandte in das Chaos der ersten Nachkriegsjahre gestürzt wurde also zwangsläufig versucht war, »Lebensräume zu Innenräumen auszugestalten«.

Allein, diese Leiter in hohe Sphären ist zu glitschig, die Wahrheit glitte durch die Sprossen. Es war gewiss viel banaler. Ich war gewiss vor allem ungestüm. Es mag schon damals jenes Ungestüm gewesen sein, ohne Rücksicht auf Tabus, das Jahrzehnte später der ZEIT-Verleger Bucerius anfangs an mir bewunderte und ihn dann zornig abstieß. » Wie ein wildes Tier betrat Raddatz den Journalisten-Zoo«, erinnert sich seine Lebensgefährtin Hilde von Lang an meinen Eintritt 1977 in die ZEIT-Redaktion.

Das lag noch lange vor mir. » Wild« aber muss ich auch in den DDR-Jahren gewesen sein, kaum zu zähmen und leichtsinnig ohnehin.

Anders ist das sehr heikle Unternehmen »Donnerstagskreis« nicht zu erklären. Wobei der Bericht durchaus nicht als Rapunzel-Zopf irgendeines Exkulpierens dienen soll. Doch ist die Angelegenheit einerseits typisch für meine Handlungsweise, andererseits inzwischen vielfach erörterter Bestandteil der DDR-Literaturgeschichtsschreibung erst jüngst hat Erich Loest dem Vorgang in seinem Buch Prozesskosten ein ganzes Kapitel gewidmet , sodass sie referiert werden muss.

1956 rief ich einen Kreis von 30 bis 40 (die Teilnehmerzahl variierte) Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen zusammen, um die mehr und mehr strangulierenden Zensurmaßnahmen der SED-Bürokratie zu sprengen - das fahrlässig hochgesteckte Ziel war unter anderem eine »freie« Kulturwochenzeitung, keiner Zensur und keinem Veto unterworfen. Es versammelten sich daher der Name auf meine Einladung hin jeden Donnerstag im Clubhaus des Kulturbundes renommierte Autoren wie Erich Arendt, Heiner Müller, Manfred Bieler, der Bildhauer Gustav Seitz, Lektoren, Redakteure - einige wie Stephan Hermlin oder Alfred Kantorowicz blieben sympathisierend fern.

Wolfgang Harich stieß dazu.

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Unsere Debatten entzündeten sich nicht zuletzt an der Aufbruchstimmung in Polen, dann in Ungarn (wo sie alsbald unter den Panzerketten der Roten Armee zermalmt wurde. Georg Lukács, gemeinsam mit Volk-und-Welt-Autor Tibor Déry Begründer des Petöfi-Kreises, sagte nach seiner Verhaftung und Verbringung in ein unbekanntes Schlossverlies an einem unbekannten Meer: »Kafka war doch ein Realist«). In einem Anfall von hochstaplerischer Fahrlässigkeit nannte ich unsere Diskussionsrunde gelegentlich den »deutschen Petöfi-Club«.

Die Einzelheiten führten hier zu weit. Die Doppelheit aber ist interessant. Ich hatte nämlich das Ganze sowohl dem DDR-Kulturminister Johannes K. Becher »vorgetragen« als auch bei der Kulturabteilung des ZK angemeldet (prompt nahm eine mitschreibende ZK-Schranze auch teil).

Revolte mit Genehmigung der Kerkermeister. Der Kreidekreis

Dann das ich lasse hier beiseite, dass diese offiziösen Vermeldungen wohl die Kurzfristigkeit meiner Inhaftierung mitbewirkten bedeutete: Wir wollten, was man im Witz einen »hölzernen Eisenring« nennt. Wir wollten, ICH wollte, keineswegs die DDR abschaffen, sondern wir meinten, das innere Gesetz, dem sie ihre Existenz verdankte Zwang jeglicher Art , abschaffen, die Existenz aber bewahren zu können. Wir wollten ein bisschen schwanger sein. Schwanger mit hochfliegenden Ideen, mit Plänen zu freiheitlichem Gebaren auf kleinem Gebiet, ohne das darüber errichtete Gebäude der Unfreiheit ins Wanken zu bringen.

Was im Übrigen zeigt, wie wenig »Marxist« wir alle waren als könne man den Überbau verändern, ohne die Basis anzutasten. Der einzige wirklich geschulte Marxist, Wolfgang Harich, der bei gelegentlicher Teilnahme auch am grundsätzlichsten diskutierte, stellte diese Basis infrage und durfte das mit acht Jahren Zuchthaus bezahlen.

Lily Becher schickte seiner Frau Blumen, Anna Seghers saß im Prozess stumm neben der stummen Helene Weigel. Czesaw Miosz hat für diese Moralbetäubungsdroge in seinem Buch Verführtes Denken den Namen »Murti-Bing« erfunden. Es ist jene Anästhesiepille, die Wissen auslöscht und Gewissen taub macht. » Ich wollte nicht wissen« hat Stephan Hermlin zugegeben, der eines Tages zu mir sagte: »Dies ist nicht mehr meine Partei aber wenn Sie irgendjemandem das weitererzählen, werde ich schwören, das nie gesagt zu haben.« Stephan Hermlin, Anna Seghers: gut gut. Oder schlecht schlecht. Und ich?

Es gibt ja letzthin so viele Reinwaschungen - auch bei dem von mir sehr geschätzten und respektierten Joachim Fest, der auf etwas lächerliche Weise einen Lehrerhaushalt zum Großbürgertum stilisiert - dagegen bin ich offenbar in Sanssouci geboren. Allein: Diesen Schwamm mag ich nicht benutzen. Ich möchte schon eine Sonde anlegen.

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Das Schwierige daran ist: Eine Sonde pflegt gerade zu sein. Die meine aber ist geschwungen, schwingt gleichsam hin und her in einem verdächtigen Einerseits-andererseits. Ohne jede Frage war ich ein Rädchen, das den Betrieb eines Unrechtsstaates mit »in Schwung« hielt oder um im Sprachbild der Kultur zu bleiben die Kulissenapparatur.

Denn so hübsch es war, den Kulturbonzen die Genehmigung abzuringen, die Ausgabe von Pablo Nerudas Der große Gesang mit Holzschnitten des chilenischen »Formalisten« José Venturelli zu illustrieren, eine klammheimliche Lügerei: »Aber er ist doch Kommunist.« Schäbig ist derlei Kulissenschieberei in Anbetracht der Pastorensöhne, die nicht studieren durften, der Liebenden, die zur gegenseitigen Denunziation gezwungen wurden, der zurückgekehrten Juden, die abermals in panische Angst versetzt wurden durch Moskauer Prozesse gegen eine »jüdische Ärzteverschwörung« oder des antisemitischen Slansky-Prozesses in Prag.

Hier schleift die Sonde. Ich war sofort nach meinem Wechsel von West- nach Ost-Berlin 1950 Stephan Hermlin hatte ich sogar noch in West-Berlin kennengelernt, wo er Gedichte des mir unbekannten Paul Eluard las in einen Kreis von Remigranten »aufgenommen« worden. Mal wurden es enge Freunde wie der aus Kolumbien zurückgekehrte Erich Arendt, mal gute Bekannte wie der aus New York über West-Berlin in die DDR eingereiste Alfred Kantorowicz, dann auch enge Arbeitskollegen wie der Volk-und-Welt-Verlagsleiter Walter Czollek, der »Spittelmarktjude«, wie er sich nannte, der den Nazis ins letzte Schlupfloch Schanghai entkommen konnte.

Ich nenne Pars pro toto diese drei Namen, nicht Hanns Eisler oder Ernst Bloch oder Hans Mayer, die ich sehr wohl bald gut kannte - Mayers erste Widmung für mich in einem Buch trägt das Datum 1949. Ich nenne diese drei Namen, weil sich an dem Schicksal der drei Männer verdeutlichen lässt, wie »meine Sonde« adjustiert wurde. Denn noch kannte ich ja nicht die schrecklich zeugenden Warnungen anderer prominenter Emigranten, kannte weder Alfred Döblins Satz an Arnold Zweig »Sie reden dort nicht mehr von der Schande der vergangenen Jahre, sie fühlen sie nicht mehr«, noch seinen Brief des Jahres 1953 an den Bundespräsidenten Heuss, als er zum zweiten Mal Deutschland WESTdeutschland eben verließ und in dem er beklagt, dass man seinem Werk keine Heimat bietet »ich kenne den politischen Wind, der da weht«.

Ich war ein 16-jähriger Schüler, als ein Peter Weiss nach seinem Deutschlandbesuch 1947 konstatierte, wie grauenhaft unbelehrt die Menschen geblieben seien, dass er nur »kleinliches und klügliches Wegschieben der Schuld« gefunden habe. Das konnte ich nicht gelesen haben, so wenig wie den konsternierten Aufsatz von Klaus Mann, in dem, ebenfalls 1947, der Sohn des Nobelpreisträgers bilanziert: »Deutsche Schriftsteller mögen ihre emigrierten Kollegen nicht eine Feindseligkeit, die immer offener und aggressiver wird. [] Gewisse deutsche Publikationen gehen bereits so weit, antinazistische Exilierte in deutschen, von den Alliierten betriebenen Zeitungen zu attackieren.« Ich teilte gleichsam seine Rigorosität, ohne sie verbatim zu kennen. Hätte ich solche Äußerungen gekannt sie hätten meinen Entschluss zum Wechsel von West nach Ost nur bestärkt. Dass ich richtig »gewechselt« hatte, bewiesen mir die bis heute eindrücklichen drei Lebensläufe.

Erich Arendt, hierzulande zu Unrecht kaum beachteter Lyriker von Graden, war nach Kolumbien emigriert in ein fremdes, wildes Land, dessen Sprache er nicht beherrschte, ohne Beruf, ohne Arbeit. Seine jüdische Frau Katja, Tochter eines Berliner Schokoladenfabrikanten, hatte als Kind in der Werksküche zugeschaut - nun fabrizierte sie in einer glühend heißen Wellblechhütte Konfekt, und der Dichter zog mit einem Pappkoffer voller handtipped candies zu den Dienstboteneingängen der ausländischen Botschaften, um dort seine glücklicherweise begehrte Ware loszuschlagen.

Alfred Kantorowicz, vor seiner Emigration in die USA (als eine Art Nachfolger Tucholskys) Paris-Korrespondent der Vossischen Zeitung, durfte in einem luftleeren Abhörraum des New Yorker Senders CBS täglich 10 Stunden die Hetztiraden jener Nazigrößen abhören (und transkribieren), vor denen er mit knapper Not sein Leben gerettet hatte.

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Walter Czollek musste sich in einem Schanghai durchschlagen, das man nicht mit der heutigen modernen Metropole verwechseln darf, ein kümmerliches Leben in der Fremde. Er hatte eine fingerdicke Narbe, die sich vom linken oberen Brustkorb bis zur rechten Hüfte hinzog so hatte den Berliner Juden im Columbia-Haus am Potsdamer Platz die Gestapo »verhört«.

Stand mir das Recht zu, solchen Menschen Feigheit vorzuwerfen?

Gebührte ihnen und ihrem Geschick nicht Respekt? Auch wenn ihr Gehorsam genannt Parteidisziplin mich mehr und mehr zu zwacken begann: Ich hing an ihnen. Zugleich trieben sie in immer dichter werdendem Nebel davon, entfernte Nähe. Wie an einem vereisten Laternenpfahl, berührt man ihn, Hautfetzen kleben bleiben so blieben Fasern meiner Existenz bei diesen (und vielen anderen) Menschen, als ich mich losriss, 1958, und die DDR verließ.

Man kann in einem Boden verankert sein, dessen Schlamm man zugleich verachtet. Derlei wird gelegentlich von morsch und klebrig gewordenen alten Ehen gesagt. Ein desaströses Beispiel dafür wäre der intelligente Chefdramaturg des Berliner Ensembles, Joachim Tenschert, nicht Parteizwerg noch Dumpfbacke. Ich kannte ihn gut, wusste von seinem Widerstreben, davon er in verwunderter Offenheit sprach, wenn er mich da lebte ich bereits in Hamburg gelegentlich besuchte.

Doch er nahm sich 1989 das Leben - das schien ihm nicht mehr vorstellbar, nicht mehr Wert in einer so gänzlich anders strukturierten Gesellschaft.

So war meine Trennung tatsächlich, so unlogisch kann Leben sein, Schmerz - obwohl ich doch eingesehen hatte, dass ich so und dort nicht mehr leben, nicht mehr arbeiten mochte nicht mehr Feigenblatt sein wollte für eine zunehmend fletschende Diktatur. Denn ohne Umschweife: Das Feigenblatt war ich acht Jahre hindurch gewesen, kein »Ich nicht« darf mir da über die Lippen kommen und kein »Ich war so jung und glaubte«. Zum einen ist man mit Mitte zwanzig nicht mehr »so jung«, zum anderen war ich nicht gläubig gewesen, vielmehr den steten Zweifel immer erneut niederringend. Ich war kein Anderer.

Da ist ein Begriff gefallen, der Klärung vielleicht dienlich: Arbeit.

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Bis ins nun hohe Alter habe ich mir als Lektion der DDR-Jahre bewahrt die so ganz andere Auffassung von Arbeit, als sie gemeinhin im Westen gültig ist. » Good job«, was der amerikanische Präsident zu der berühmten Violinistin Julia Fischer in Heiligendamm sagte, wäre einem als schulterklopfendes Lob für David Oistrach wohl kaum eingefallen.

Arbeit hatte »dort« eine andere Bedeutung, Job war unbekannt. Das ist ein Verdeutlichungsmuster. Es darf indes kein Blümchenmuster auf freundlich bepinselten Soufitten sein, die vor den Missbrauch mit Namen Arbeitslager gezogen werden, auch Gulag genannt. Ich wurde nicht missbraucht. Ich habe mich selber missbraucht.

Fritz J. Raddatz,

geboren 1931 in Berlin, studierte u. a. Germanistik an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin. Er war stellvertretender Cheflektor beim Ost-Berliner Verlag Volk und Welt (19531958), stellvertretender Leiter des Rowohlt-Verlags (19601969), Feuilletonchef der ZEIT (19771985) und ist seit 1969 Vorsitzender der Kurt-Tucholsky-Stiftung. Einen Namen machte er sich auch als Romanautor, Essayist, Übersetzer sowie als Herausgeber der »Gesammelten Werke« von Kurt Tucholsky.