Und ich wusste. Keineswegs kann ich mich in die angenehme Mär einspinnen, ich hätte immer nur Herder oder Aragon gelesen, Oistrach gehört und den Pergamonaltar besichtigt. Im Gegensatz nämlich zu meinen späteren Kollegen bei Rowohlt oder in der ZEIT-Redaktion habe ich damals schon Arthur Koestlers Sonnenfinsternis gelesen, André Gides Zurück aus Sowjetrußland oder Essays von Ignazio Silone. Man konnte damals ungehindert nach West-Berlin fahren, Bücher und Zeitschriften kaufen oder leihen, Filme und Theaterstücke sehen. Was ich alles reichlich und häufig tat. Aber in meinem Kopf muss eine Art Filter gewesen sein: Ich nahm das alles wahr, wohl auch für wahr, aber ich ließ es nicht in mich ein. Der Monat, der fraglos wichtige Texte publizierte, war, wenn nicht »der Feind«, dann doch »ungültig« - es galten Les Lettres Françaises, die von Louis Aragon glänzend inszenierte kommunistische Kulturzeitschrift.

Wie funktionierte das? Hatte jener Filter einen kleinen Schalter, mit dem man einfallendes Licht ausknipste? Die Wahrheit ist kruder. Ich log mir etwas vor. Im Sinne von Margret Boveris Wir lügen alle auf eine andere Diktatur bezogen lebte und arbeitete ich als »anständiger Lügner«. Im hochgemuten Selbstbewusstsein, nicht Mitglied der SED zu sein ein veritabler »Sonderfall« für die vergleichsweise hohe Position , tat ich genau das, was ich Jahre später (und bis heute) den großen Furtwänglers und Gründgens wie den kleinen Mitarbeitern am »Reich« vorgehalten habe: Ich schmuggelte Bücher ins schließlich weitgehend von mir bestimmte Verlagsprogramm und stibitzte mir diesen Lorbeer.

Auch das, allerdings, ist wahr: Es bedurfte einiger Mogelkünste, jene Autoren durchzusetzen, mit denen sich später viele westdeutsche Verlage schmückten Eluard und Majakowski, Tibor Déry und Bulgakow, Garca Márquez und Amado und Reiner Kunze - von den schwer zu ergatternden (und noch schwerer bei der Politbürokratie durchzusetzenden) »West-Lizenzen« ganz zu schweigen William Faulkner und Mouloud Feraoun so gut wie Kurt Tucholsky (die Dokumente der Schlacht um diese Edition füllen mehrere Leitz-Ordner). Ja, das war ehrbar wie riskant.

Das »Zeugnis«, das mir die mich beobachtende Stasi ausstellte, kann sich sehen lassen. Da wird mir attestiert, dass ich ein »netter, ernster und höflicher Mensch« sei, der keine Frauenbekanntschaften habe, nicht trinke und nicht rauche (was alles drei nicht stimmte) - vor allem aber, dass ich aufgrund meines »Intellekts, Auftretens und Arbeitseifers stets das Vorbild der jungen Lektoren« gewesen sei und meine Prinzipien »einer demokratisch-bürgerlich orientierten, künstlerisch hochstehenden Literatur« immer verfolgt habe. Nun ja.

Vermerkt wird auch, dass ich es abgelehnt habe, Mitglied der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft zu werden. Und hier wird es prekär. Denn das war eine der »gesellschaftlichen Grundorganisationen«, in denen Mitglied zu sein so allgemein selbstverständlich war, wie es das Amen in der Kirche ist. Das zu verweigern war freches Sakrileg und mein recht keckes »Ich liebe keine Einbahnstraßen, ich gehe da erst rein, wenn es umgekehrt auch eine Gesellschaft für sowjetisch-deutsche Freundschaft gibt« nicht einmal ganz ungefährlich. Diese Weigerung habe ich als »Mut« deklariert. Doch schaukelt der selbst verliehene Mut-Orden nicht doch recht schiefschultrig? Was wäre denn schon die ärgste Konsequenz gewesen?

Doch nicht das Lager in Workuta.

Die Sache erinnert fatal an eine gespenstische Anekdote, die der Emigrant Alfred Kantorowicz mit gutem Grund oft erzählte, zurückgekehrt aus den USA in die DDR, die er 1956 wieder verließ: Pogrom in Galizien - ein Dorf wird gebrandschatzt - der Rabbiner wird in einen Kreidekreis gestellt - es wird ihm bei Androhung der Todesstrafe verboten, den zu verlassen - Frau und Tochter werden vor seinen Augen vergewaltigt - später findet man ihn lächelnd im Kreidekreis stehen: »Aber Rebbe, sie haben das Dorf abgebrannt, 38 Leute ermordet, deine Frau, deine Tochter vergewaltigt was stehst du da und lächelst?«