Ich wusste aber noch ganz anderes. Vermutlich war ich einer von sechs bis acht Menschen in der DDR, die ganz genaue Kenntnis hatten vom Würge-Elend der Eingekerkerten, der Not, dem Hunger, den Epidemien und dem Tod der politischen Gefangenen des Regimes. Mein Vormund und Pflegevater, der evangelische Pastor Hans-Joachim Mund, SED-Mitglied, ehemaliger ZK-Mitarbeiter (solche bizarren Biografien hielt das Nachkriegsdeutschland im Angebot), war auf der Basis eines heimlichen Konkordats es hieß nicht so, war wohl nur ein stillschweigendes Abkommen zwischen der evangelischen Kirchenleitung des Propsts Grüber und dem Polit-Büro zum Anstaltspfarrer sämtlicher politischen Haftanstalten der DDR berufen worden - von Bautzen bis Brandenburg, in meiner Erinnerung waren es fünfzehn. Er als Einziger hatte »freien Zutritt«, durfte Gottesdienste abhalten, die Beichte abnehmen und das Entscheidende hatte das verbriefte Recht zu Einzelgesprächen mit Häftlingen in seinem Pastorenraum. Dass ich auf diese Weise später, nach dessen Freilassung, seinen damaligen Chorleiter Walter Kempowski in meinen Rowohlt-Jahren kennenlernte, ihn als Autor »entdeckte« und förderte, ist inzwischen Literaturgeschichte und gehört im Detail nicht hierher - Kempowski hat das jüngst noch einmal in dem Sammelband Das erste Buch dokumentiert.

Was aber sehr wohl hierher gehört: Das Grauen dieser Lager (seinerzeit soeben von den sowjetischen Militärs übernommen) war mir mehr als präsent. Oft genug habe ich den Pastor Mund auf diesen entsetzlichen »Dienstreisen« begleitet, im Hotel auf das schließlich bleich hereinwankende, zitternde Gespenst gewartet, ihn nachts schweißnass schreien hören und um sich schlagen sehen, denn mein Pflegevater und ich es ist inzwischen kein Geheimnis mehr waren einander ja mehr als Vormund und Mündel. Seine Ausbrüche über Hinrichtungen, Eiskellerfolter, Tuberkuloseepidemien (er hat sich dort schließlich angesteckt), die er miterlebte wahrlich, das hatte eine andere Dimension als der unterdrückte Band IV meiner Tucholsky-Ausgabe.

Wie gerne möchte ich mogeln. Mich zu einem kleinen Helden stilisieren, der Kassiber schmuggelte und von den Quäkern Medikamente aus West-Berlin holte (sie waren die Einzigen, die mit Geldmitteln halfen) oder Orangen und Bananen. Mit denen setzte sich der Herr SED-Pfarrer (er hatte der Dienlichkeit wegen auch einen hohen Volkspolizeirang) dann in die »Empfangszelle«, schälte sie und reichte sie einem der Verdammten. Für mich, der ja wie alle DDR-Bürger vor dem Mauerbau ungehindert nach West-Berlin mit der S-Bahn fahren konnte, war das wenig gefährlich, es brauchte etwas Schläue, rechtzeitig umzusteigen, wenn Volkspolizei den aus Neukölln einfahrenden Zug und die Taschen der Hausfrauen kontrollierte. Vielleicht war gar etwas Lust am Indianerspiel mit dabei, etwa, als ich Kempowskis Mutter in Hamburg einen aus Bautzen herausgeschmuggelten Brief ihres Sohnes überbrachte - sie hielt mich übrigens für einen Agenten und ließ mich nicht durch die Tür.

Mogelei bleibt es. Hätte ich nicht aufschreien müssen? Hätte ich nicht zum »Feind« Rias, zu den Kollegen vom Monat, zum bösen Tagesspiegel gehen müssen? War es nicht immer stiekum die berühmte Tafel Schokolade, die Emma Schulze 1935 dem Nachbarskind Sarah Goldstein aus dem 3. Stock zusteckte, als die eigentlich ganz nette Familie verreisen musste? Wäre nicht, als man vom Klappentext »meiner« Majakowski-Ausgabe dessen Selbstmord eliminierte, die passende Gelegenheit gewesen, lautstark auf einer Verlagskonferenz von anderen Toden zu künden? Was war das doch für ein krummer Mut, als ich im Seminar 1953 bei einer Gedenkminute »Wir erheben uns alle in Trauer um den Tod des großen Führers der Sowjetunion Josef Stalin« ostentativ sitzen blieb? Oder als ich mich während einer Ungarnreise 1954 »und jetzt besichtigen wir das große Stalin-Denkmal« weigerte, den Bus zu verlassen mit den Worten: »Ich will den Massenmörder nicht sehen«? Das ist doch alles Marianne-Hoppe-Hoppelei, die nie mitgesungen haben will beim Horst-Wessel-Lied: »Wir dachten nur an die Kunst.«

In Parenthese: bitte keinen abermaligen Aufguss der Historikerdebatte - ich kenne den Unterschied beider Diktaturen. Wobei allerdings jene Debatte an einem semantischen Missverständnis krankte: Vergleichen bedeutet nicht gleichsetzen. Man kann sehr wohl die berüchtigten Äpfel mit Birnen vergleichen, sogar das Finnische mit Kisuaheli eben um herauszufinden, dass sie sich unterscheiden. Ich dachte keineswegs »nur an die Kunst« wiewohl ich ein besessener Verlagsmensch war, dem der kleinste Gedichtband so viel Entzücken und Befriedigung brachte wie die vielbändige Ausgabe von Roger Martin du Gards roman-fleuve Die Thibaults.

Zugegeben, die Mund-Situation war ein Extrem. Er zumindest wäre ja »aufgeflogen«, hätte ich in Rias-Mikrofone geplärrt (Mund konnte sich Jahre später nur wenige Minuten vor seiner Verhaftung durch Flucht in den Westen retten). Das Extrem allerdings quälte mich hinreichend - man darf es getrost Gewissensnot nennen. Weil ich in dieser Not nicht mehr ein noch aus wusste, besuchte ich Margret Boveri in ihrem Haus in Dahlem, Rat suchend. In meinem Fall indes verhielt sich diese hochintelligente Frau stupend töricht. Sie ermunterte mich, zur Stasi zu gehen und dort meine Dienste anzubieten, denn »man kann den Apparat nur von innen verändern«. Man stelle sich vor, ich wäre diesem leichtfertigen Rat gefolgt! Ein Leben lang ein Gebrandmarkter wäre ich gewesen.

Doch an welcher Grenzlinie schlingerte ich entlang? Jene später von mir Interviewten auch der jugoslawische Kunstschriftsteller Oto Bihalji-Merin hatten sich unter meinen bohrenden Fragen immer hinter eine Festungsmauer zurückgezogen, die schlecht zu zernieren war: »der Glaube« - sie hatten an den Kommunismus, an die Sowjetunion, an Stalin »geglaubt« Irrationalismus der Ratio. Ich aber hatte gar nie diesen rettenden Glauben, war auch nicht Kommunist - ehestens ein Literat, der das Soziologische durchaus einbezog in die Kunstbemessung. Marxist?