Selbst das wäre wohl eine zu volltönende Bezeichnung, dazu hatte ich zu wenig Marx (oder Trotzkij oder Rosa Luxemburg) gelesen mit 22 oder 25 Jahren. Was also war ich?

Es bietet sich ein Erklärungsmodell an, das ich von dem großartigen Interpreten Rüdiger Safranski entleihe. Der hat zum 60. Geburtstag von Peter Sloterdijk den Kern von dessen Gedanken von der Conditio humana freigelegt, derzufolge der Mensch vom Mutterleibe an ein Wesen ist, das von innen kommt, folglich unvermeidlich seine späteren Lebensräume zu Innenräumen ausgestaltet. Deswegen bedeutet Erwachsenwerden »Sphären zu bilden in erweiterten Kreisen, in Familien, Bünden, Beziehungen, Betrieben, Subkulturen, Nationen«. Das könnte durchaus zutreffen für jemanden mich , der den Horror der letzten Kriegsjahre unbehütet, mit 13, 14 Jahren, erlebt hat, der mit 15 ohne Eltern oder Verwandte in das Chaos der ersten Nachkriegsjahre gestürzt wurde also zwangsläufig versucht war, »Lebensräume zu Innenräumen auszugestalten«.

Allein, diese Leiter in hohe Sphären ist zu glitschig, die Wahrheit glitte durch die Sprossen. Es war gewiss viel banaler. Ich war gewiss vor allem ungestüm. Es mag schon damals jenes Ungestüm gewesen sein, ohne Rücksicht auf Tabus, das Jahrzehnte später der ZEIT-Verleger Bucerius anfangs an mir bewunderte und ihn dann zornig abstieß. » Wie ein wildes Tier betrat Raddatz den Journalisten-Zoo«, erinnert sich seine Lebensgefährtin Hilde von Lang an meinen Eintritt 1977 in die ZEIT-Redaktion.

Das lag noch lange vor mir. » Wild« aber muss ich auch in den DDR-Jahren gewesen sein, kaum zu zähmen und leichtsinnig ohnehin.

Anders ist das sehr heikle Unternehmen »Donnerstagskreis« nicht zu erklären. Wobei der Bericht durchaus nicht als Rapunzel-Zopf irgendeines Exkulpierens dienen soll. Doch ist die Angelegenheit einerseits typisch für meine Handlungsweise, andererseits inzwischen vielfach erörterter Bestandteil der DDR-Literaturgeschichtsschreibung erst jüngst hat Erich Loest dem Vorgang in seinem Buch Prozesskosten ein ganzes Kapitel gewidmet , sodass sie referiert werden muss.

1956 rief ich einen Kreis von 30 bis 40 (die Teilnehmerzahl variierte) Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen zusammen, um die mehr und mehr strangulierenden Zensurmaßnahmen der SED-Bürokratie zu sprengen - das fahrlässig hochgesteckte Ziel war unter anderem eine »freie« Kulturwochenzeitung, keiner Zensur und keinem Veto unterworfen. Es versammelten sich daher der Name auf meine Einladung hin jeden Donnerstag im Clubhaus des Kulturbundes renommierte Autoren wie Erich Arendt, Heiner Müller, Manfred Bieler, der Bildhauer Gustav Seitz, Lektoren, Redakteure - einige wie Stephan Hermlin oder Alfred Kantorowicz blieben sympathisierend fern.

Wolfgang Harich stieß dazu.