Der Schmerz der Schweine

Fünf Sekunden", schätzt Landwirt Hubertus Spüntrup, brauche er, um aus einem Eber einen "Borg" zu machen, ein kastriertes männliches Schwein. Spüntrup, der auf seinem Hof im Münsterland 230 Zuchtsauen hält, hat mehr als zwanzig Jahre Erfahrung darin, Ferkel zu kastrieren. Seit den Achtzigern ist der Betrieb spezialisiert auf die Erzeugung von Ferkeln, die mit 75 Tagen an einen professionellen Mäster weitergegeben werden.

Mitte der Neunziger übernahm Hubertus Spüntrup den Betrieb von seinen Eltern. Eins aber blieb immer gleich auf dem westfälischen Hof: der Handgriff, mit dem die männlichen Ferkel kastriert werden. Landwirte halten die Tiere dazu an den Hinterläufen, durchschneiden mit einem Skalpell die Hodenhaut, durchtrennen den Samenstrang und entfernen beide Hoden. Danach wird das Ferkel zurück zur Mutter und zu den Geschwistern in die Bucht gesetzt, die Kastrationswunde bleibt offen und verheilt in den folgenden Tagen.

Männliche Ferkel werden seit Jahrhunderten in Deutschland (pro Jahr 20 Millionen) auf diese Weise kastriert – ohne Betäubung, genauso wie in den meisten anderen Ländern Europas auch. Das ist erlaubt; Hubertus Spüntrup kann den Eingriff selbst vornehmen. Der Hoftierarzt wird nur dann gerufen, wenn in seltenen Fällen ein sogenannter Binneneber geboren wird, ein Tier, bei dem die Hoden nicht aus der Bauchhöhle ins Skrotum abgestiegen sind. Solche Eber müssen unter Vollnarkose operiert werden.

Die blutige Prozedur soll verhindern, dass die Hoden der Tiere von der Pubertät an das Hormon Androstenon produzieren, welches dem Fleisch später den an Urin erinnernden "Ebergeruch" verleiht. Ein Viertel der Bevölkerung nimmt den Geruch zwar gar nicht wahr; die verbleibenden drei Viertel reagieren jedoch mit mehr oder weniger starken Ekelgefühlen auf das strenge Aroma, das sich vor allem nach dem Erhitzen entfaltet. Bis heute ist es unter Praxisbedingungen weder möglich, die Erbanlagen für Androstenon gentechnisch auszuschalten, noch die Spermien vor der Besamung von Sauen so zu sortieren, dass nur weibliche Ferkel entstehen.

Lange Zeit interessierte sich niemand dafür, ob und wie sehr die Ferkel bei dem Eingriff leiden. Erst in den letzten Jahren ist das Interesse der Tierschützer an dem Thema erwacht. Inzwischen wollen zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen klären, wie stark der Schmerz wirklich ist, den die Schweine während der Kastration empfinden.

Auch für erfahrene Tierkundler ist das schwierig herauszufinden. Denn die Tiere quieken nicht nur während des Eingriffs ununterbrochen, sondern schon dann, wenn sie gegriffen werden, also bevor sie den ersten Schnitt spüren. Verhaltensforscher halten das schrille Schreien für einen angeborenen Reflex, um Feinde abzuwehren und auch um die massige Muttersau zu warnen, die bisweilen versehentlich ein Junges zerquetscht, wenn sie sich niederlegt. Mit Hilfe eines Lautanalysegerätes entdeckte man jedoch, dass die Ferkel während der chirurgischen Prozedur mehr hochfrequente, reinere und längere Schreie ausstoßen als vor und nach der Tortur.

Die Tierärztin Susanne Zöls von der Ludwig-Maximilians-Universität München wies in einer anderen Untersuchung den Schmerz auch im Blut der Tiere nach. Werden sie ohne Betäubung kastriert, steigt der Spiegel des Stresshormons Cortisol signifikant an und bleibt noch Stunden nach dem Eingriff erhöht. Ferkel, denen ein Schmerzmittel gespritzt worden war, hatten dagegen ähnlich niedrige Cortisol-Mengen im Blut wie eine Kontrollgruppe, die nur eingefangen und kurz festgehalten wurde.

England setzt auf Kurzmast: Die Eber werden vor der Pubertät geschlachtet

"In der Humanmedizin gab es lange die Auffassung, dass schmerzverarbeitende Strukturen bei Säuglingen noch nicht so gut ausgebildet sind", sagt Zöls, die für ihre Studie Ende 2006 den Forschungspreis der Internationalen Gesellschaft für Nutztierhaltung erhielt: "Dieser mittlerweile veraltete Gedanke wurde für die Tiermedizin übernommen und beibehalten. Deshalb hält man es immer noch für gerechtfertigt, junge Tiere einem solchen Eingriff bei vollem Bewusstsein auszusetzen."

Der Schmerz der Schweine

Indirekt wird diese These von Zöls durch eine neue Klausel im Deutschen Tierschutzgesetz bestätigt: Seit Mai 2006 dürfen Ferkel nur noch in der ersten Lebenswoche und nicht mehr wie zuvor während des gesamten ersten Monats ohne Betäubung kastriert werden. Optimisten mögen diese Gesetzesänderung als Vorboten eines Wandels auch in Deutschland sehen. Die norwegische Regierung hatte die betäubungslose Kastration bereits 2002 aus Tierschutzgründen verboten, von 2009 an wird sie selbst mit Betäubung nicht mehr erlaubt sein. Auch die Schweiz hat festgelegt, spätestens 2009 keine Ferkel mehr bei vollem Bewusstsein zu kastrieren. In Großbritannien betreibt man traditionell eine sogenannte Kurzmast und schlachtet die Eber schon vor der Pubertät.

Inzwischen ist das Thema auf EU-Ebene angekommen. Im Januar dieses Jahres trafen sich Veterinärexperten aus verschiedenen EU-Ländern zu einem Workshop über die Kastrationsproblematik in Brüssel. Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass ein Kastrationsverbot "in Abwesenheit von Alternativen" vermutlich den Schweinefleischmarkt in der EU schwerwiegend beeinflussen werde. Besonders problematisch sei, dass der Schweinefleischsektor stark von regionalen Bräuchen abhängig sei. So ist Schweinefleisch für die britische oder die norwegische Bevölkerung weit weniger wichtig als für Deutschland, den größten Schweinefleischproduzenten der EU.

Auf der Suche nach Alternativen hilft ein Blick über die EU-Grenze hinaus. So ist die chirurgische Kastration zum Beispiel in Australien, Neuseeland und Südafrika gänzlich abgeschafft. "In Australien wurden Schweine in der aus England übernommenen Tradition nur kurz gemästet und vor der Geschlechtsreife geschlachtet", erklärt der Agrarwissenschaftler Rolf Claus von der Universität Hohenheim, der immer ein Stückchen Eberfleisch im Labor bereithält, um Besuchern die Wirkung vorzuführen. Als jedoch die Zahl der Einwanderer aus asiatischen Ländern und damit die Nachfrage nach Schweinefleisch stieg, versuchte man, das Schlachtgewicht durch Ebermast zu vergrößern. Intakte männliche Tiere setzen durch die anabole Wirkung ihrer Geschlechtshormone mehr Magerfleisch und weniger Fett an als Kastraten und bringen auch insgesamt mehr Masse auf die Waage. Doch die Konsumenten boykottierten das Eberfleisch. Die Australier entschieden sich deshalb 1998 für die "Immunkastration". Eine zweimalige Impfung mit dem Präparat Improvac immunisiert die Tiere gegen das Gonadotropin Releasing Hormon (GnRH), das im Hypothalamus gebildet wird und die Androstenon-Bildung im Hoden anregt. Der Körper der Tiere produziert nach der Impfung Antikörper, die das körpereigene GnRH zerstören. Dadurch wird auch die Androstenon-Bildung im Hoden gestoppt.

Ein Sicherheitsinjektor verhindert, dass der Bauer sich selbst sterilisiert

Der Pharmakonzern Pfizer, der das Präparat weltweit vertreibt, hat mittlerweile bei den EU-Behörden einen Antrag auf Zulassung gestellt. In der Schweiz ist Improvac bereits seit Anfang des Jahres zugelassen. Im Herbst soll es erstmals in der Praxis eingesetzt und auf Verschreibung direkt von Tierärzten an Landwirte abgegeben werden. Um zu verhindern, dass Menschen im Getümmel eines Schweinestalls aus Versehen selbst etwas von der Spritze abbekommen und sich so unfruchtbar machen würden, entwickelte die Firma einen speziellen Sicherheitsinjektor: Die Injektion ist erst auslösbar, wenn die Kanüle bis zum Anschlag im Gewebe steckt.

Bevor Improvac zum Einsatz im Schweinekoben kommt, muss geklärt werden, ob Europas Fleischesser derart behandeltes Fleisch überhaupt kaufen würden. Die Schweizer jedenfalls sind skeptisch, wie erste Umfragen ergaben. Das im Januar gegründete Wissenschaftler-Netzwerk PIGCAS soll nun in EU-Auftrag europaweit landwirtschaftliche Interessengruppen und Verbraucherverbände nach ihren Vorstellungen befragen, um ein Stimmungsbild zu erstellen. "Vermutlich wird es in der EU zunächst Übergangslösungen geben, Immunkastration oder auch die Betäubung, zumindest so lange, bis elegantere Wege gefunden sind", sagt der Agrarexperte Eberhard von Borell von der Universität Halle-Wittenberg und deutscher Vertreter im PIGCAS-Netzwerk.

"Wenn der Verbraucher bereit ist, dafür zu bezahlen, habe ich nichts gegen Alternativlösungen einzuwenden", sagt Landwirt Hubertus Spüntrup aus Westfalen. Der Preisdruck auf Schweinefleisch ist gerade in Deutschland so hoch, dass Spüntrup schon jetzt versuchen muss, die Kastration mit anderen Arbeitsgängen zu verbinden, zum Beispiel dem Einziehen von Ohrmarken, um den zusätzlichen Zeitaufwand möglichst gering zu halten.

"Schweinefleisch ist ohnehin absurd billig", sagt der Biologe Hanno Würbel, der Tierschutz und Ethologie an der Veterinärmedizinischen Fakultät Gießen lehrt. "Aber unsere Tierschutzethik ist eben eine utilitaristische Ethik, bei der abgewogen wird zwischen der Qual für das Tier und dem Nutzen für den Menschen." Würbel macht darauf aufmerksam, dass unser Tierschutzgesetz noch etliche weitere Operationen ohne Betäubung erlaubt Dazu gehören das Kürzen von Schwänzen, das Abschleifen von Zähnen und, bei Küken, die Amputation eines Zehengliedes, aber auch die Kastration von männlichen Rindern, Schafen und Ziegen. Allerdings werden solche Prozeduren – anders als die Kastration der schreienden Ferkel – bislang nicht öffentlich diskutiert, weil der Verbraucher sie sich weniger spektakulär vorstellt. Legitimiert werden all diese Eingriffe durch eine Einschränkung. Es ist dieselbe Einschränkung, die seit der Studie von Susanne Zöls bei Ferkeln zur Begründung nicht mehr ausreicht: Sie dürfen nur bei sehr jungen Tieren durchgeführt werden.