So tief ist die russische Staatsflagge nie zuvor gesunken. Die rostfreie Trikolore aus Titan steckt seit zwei Wochen in 4261 Meter Eismeertiefe am nördlichsten Punkt der Erde. Das internationale Wettrennen zum Nordpol artet zum Wettrüsten aus. Es geht nicht mehr mit Huskyschlitten und Skiern um die nationale Ehre wie vor 100 Jahren, heute wird mit Eisbrechern und U-Booten um den vermuteten Reichtum des Seebodens gekämpft. Den Anspruch des Kremls auf die Arktis unterstrich Russland mit der gewagten Tauchaktion zweier Mini-U-Boote. Doch die Konkurrenz ist längst hellwach. Die Anrainerstaaten Kanada, USA, Dänemark und Norwegen betonen, dass die russische Flagge am Meeresgrund und ein paar Bodenproben vom Nordpol weder wissenschaftlichen Wert noch juristische Folgewirkung haben. Zur Sicherheit hat Washington auch ein eisbrechendes Vermessungsschiff nach Norden entsandt. So könnten die russischen Mir- U-Boote – nach dem »Frieden« so benannt – einen Kalten Polarkrieg eingeläutet haben. Wer sind die großen Spieler in der Arktis, und was können die Spielregeln sein, um Konflikte zu vermeiden?

Die russische Führung demonstriert der Welt ihre Kraft als wiedererstarkte Großmacht. Dazu gibt sie gern einen Schuss Abenteurertum und etwas Theatralik. Die ursprünglich wissenschaftliche Nordpolexpedition verwandelte der Kreml in einen PR-Coup mit patriotischem Begleitdonner. Drei Monate vor der Parlamentswahl kommt das auch der Kremlpartei »Einiges Russland« zugute. Zwei ihrer Abgeordneten waren beim Tauchgang dabei und hinterließen neben der Staatsflagge ein Parteiabzeichen in der ewigen Dunkelheit. Außenpolitisch folgt Russland einer globalen Entwicklungsstrategie als Energiesupermacht. Es geht um den Zugriff auf potenzielle Öl- und Gasfelder und die Leitungswege bis hin zum Endverbraucher samt ihrer militärischen Absicherung. Rund um den Nordpol lässt sich ohne Russlands Zustimmung, so war die Botschaft, nichts entscheiden.

Kanada will die Armee für den Kampf im Eisklima trainieren

Entsprechend harsch fiel die Reaktion der anderen Arktisanrainer aus: »Ob sie eine Metallflagge oder ein Bettlaken hinterlassen«, spottete ein Sprecher des amerikanischen Außenministeriums, »es hat keine rechtliche Bedeutung.« Kanadas Außenminister Peter MacKay verglich Russlands Aktion mit den eher barbarischen Landnahmen des 15.Jahrhunderts. Dänemark schickte eine eigene geologische Expedition los. Bundeskanzlerin Angela Merkel reist in dieser Woche nach Grönland, um sich dort über die Folgen des Klimawandels zu informieren. Zu den russischen Gebietsansprüchen sagen Regierungskreise nicht mehr, als dass man die russische Aktion »zur Kenntnis genommen« habe.

Kanadas Premierminister Stephen Harper brach zu einer dreitägigen Reise in den Norden auf. Er besuchte vereinsamte Soldaten und Polizisten der Inuit (»Eskimos«) an der Kante der Arktis und rühmte sie als Kern der »Identität Kanadas als einer nördlichen Nation«. Derweil bemäkelte die Opposition in Ottawa, dass Kanada ohne Tiefseehäfen, U-Boote und arktis-taugliche Eisbrecher schlecht für die künftigen Auseinandersetzungen gerüstet sei. Harper versprach sogleich ein Armee-Trainingszentrum für den Kampf im Eisklima, einen Hafen und eisbrechende Patrouillenschiffe für sieben Milliarden Dollar.

Die kanadische Drohgebärde dürfte der Kreml verstanden haben. Einschüchtern gehört auch zur sowjetischen Tradition. Am 3.August kündigte Russlands Flottenchef eine Rückkehr zur ständigen Präsenz im Mittelmeer an. In der vergangenen Woche näherten sich russische Langstreckenbomber erstmals seit der Zeit des Kalten Krieges wieder auf ein paar Hundert Kilometer dem amerikanischen Stützpunkt Guam im Pazifik. Die strategische Luftwaffe flog zudem Übungsflüge über den Nordpol.