Am 18. Mai 1944 wurde der Grenadier Michael Fries aus Jena, Angehöriger des Grenadierersatzbataillons 388, vom 2. Senat des Reichskriegsgerichts "Im Namen des Deutschen Volkes" "wegen Kriegsverrats" zum Tode verurteilt. In der Begründung des Urteils heißt es, der Soldat habe in Frankreich, wo er 1943 mit seiner Einheit stationiert war, "mit kommunistischen Gesinnungsgenossen Erörterungen" gepflegt, den Schweizer Sender Radio Beromünster gehört und sich "daher der Vorbereitung des kommunistischen Hochverrats" sowie der "Feindbegünstigung im Felde" schuldig gemacht. Das Feldurteil des Reichskriegsgerichts ist bis heute rechtsgültig.

In der Bundesrepublik tat man sich lange Zeit schwer damit, Menschen, die sich aus unterschiedlichsten – politischen, religiösen oder schlicht moralischen – Gründen dem NS-System entzogen hatten, Anerkennung und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Selbst den Männern und Frauen des 20. Juli schlugen vielfach Ablehnung und Misstrauen entgegen (jetzt soll Hollywood-Star Tom Cruise für Abhilfe sorgen). Wer in jenen zwölf Jahren, vor allem aber im Krieg, bis zum Schluss mitgemacht hatte, hatte später, unter demokratischen Verhältnissen, in der Regel weitaus bessere Karten (Globke, Filbinger & Co.) als derjenige, der den Kriegsdienst verweigert, Fahnenflucht begangen, Widerstand geleistet hatte oder emigriert war – Letzterem hängte man gern das Etikett "Vaterlandsverräter" an. In den fünfziger Jahren wurden Antifaschisten, die im Spanischen Bürgerkrieg aufseiten der Republik (und damit gegen Hitler) gekämpft hatten, als "Rotspanier" diskriminiert und von Versorgungs- und Wiedergutmachungsansprüchen ausgeschlossen. Unvergessen sind auch die niederträchtigen Kampagnen der Union in den sechziger Jahren gegen den damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Willy Brandt, der sich als Emigrant vom CSU-Chef Franz Josef Strauß die Frage gefallen lassen musste, was er "zwölf Jahre lang draußen gemacht" habe.

Es bedurfte eines langen Aufklärungs- und Lernprozesses, bis man hierzulande begriff, dass die vielen, oft namenlosen Verweigerer, Deserteure, Saboteure und sonstigen Nichtmitmacher nicht die schlechteren Deutschen waren. Was bis heute aussteht, ist die pauschale Aufhebung der Urteile gegen "Landesverräter", die der Wehrmacht angehörten, was im Falle ziviler "Landesverräter" längst geschehen ist. Wenn Bundesjustizministerin Brigitte Zypries das Argument bemüht, bei "Kriegsverrat" – ein dehnbarer Begriff der NS-Justiz, der Willkür- und Terrorurteile jeglicher Art begünstigte – könne es sich "möglicherweise" um ein Delikt handeln, das die "nicht ausschließbare Lebensgefährdung für eine Vielzahl von Soldaten" beinhalte und deshalb "keinen Anlaß zur pauschalen Rehabilitierung" begründe, so ist das schlicht lächerlich. Soll nach über 60 Jahren im Einzelfall von der Staatsanwaltschaft geprüft werden, ob ein Soldat, der Juden oder Kriegsgefangenen geholfen hat, damit zugleich deutsche Soldaten gefährdet hat?

Man kann nur hoffen, dass auch dieses Tabu endlich fällt und dem Grenadier Michael Fries und vielen anderen seiner Kameraden späte Gerechtigkeit widerfährt. Die von Wolfram Wette und Detlef Vogel vorgelegte Dokumentation sollte dazu beitragen, dass dies schleunigst geschieht.