Jahrelang ging es – nein, nicht gut, aber es ging eben. Die Eltern, beide über 80 Jahre alt, kamen ohne fremde Hilfe im eigenen Haus zurecht. Das heißt, sie schafften es gerade, sich leiblich und hygienisch zu versorgen, hangelten sich buchstäblich über die Tage. Der Vater ein Pflegefall, die Mutter, selbst nicht mehr gut auf den Beinen, seine einzige Stütze. Sie hievte ihn aus dem Bett, vom Schlafzimmer im oberen Stockwerk ins Erdgeschoss hinunter und wieder hinauf. Sie verließ das Haus nur zum Einkaufen und kam so schnell wie möglich zurück. Millionen alter Menschen existieren in Deutschland so: in einer fragilen Konstruktion des schieren Überlebens, hart am Rand der Katastrophe.

Die erwachsenen Kinder, Menschen jenseits der Lebensmitte, mit Berufen, eigenen Familien, Freundeskreisen, Interessen, Bindungen, rufen regelmäßig an, kommen zu Besuch, fragen sich und die Alten: Geht es noch? Schwanken zwischen Sorge und Verdrängung, zwischen Pflicht und Abwehr. Bis es von einem Moment auf den anderen nicht mehr geht. Der "Tag X" ist eingetreten. In der Nacht ist die Mutter plötzlich gestorben, der Vater ist nun allein. Das dünne Eis unter seiner Existenz ist eingebrochen. Allein bewältigt er nicht einmal den Weg zum Badezimmer, ganz zu schweigen von den Mahlzeiten. Nun liegt er im oberen Stockwerk des Hauses und wartet, dass jemand kommt und ihm sagt, wie es mit ihm weitergeht. Unten, im Erdgeschoss, sitzen sein Sohn und seine Tochter und beratschlagen. Soll der Vater in ein Heim? Aber wo findet sich so schnell ein geeignetes? Soll er zu Hause gepflegt werden? Aber von wem? Sollen Sohn oder Tochter etwa zu ihm ziehen, ihr ganzes Leben aufgeben, um zur Pflegekraft zu werden? Und wenn, wer von beiden? Wer ist dem Vater geografisch oder emotional näher? Oder ihn zu sich nehmen? Das Gefüge der eigenen Familie riskieren? Und wenn der Vater gar nicht wegwill, wenn er sich weigert, sein Haus zu verlassen? Millionen über 50-Jähriger kennen dieses Karussell, das sich um eine einzige Frage dreht: Wohin mit Vater? Sie klingt, hört man genau hin, brutal. Sie klingt nach Entsorgung. Denn sie bezieht sich auf nichts anderes als den Aufenthaltsort, das gnädige Plätzchen, an dem der gebrechliche Alte seine letzte Etappe verbringen kann.

"Die Schwester sagte: ›Wir müssen ihn zu uns nehmen.‹ Der Bruder sagte: ›Wer?‹ Im Wohnzimmer war nur das Ticken der Uhr zu hören, die auf dem schweren Eichenbuffet stand, das der Sohn sein ganzes Leben lang gehasst hatte, so plump war es ihm immer erschienen, so massig. Und nun kam von dort die einzige Bewegung in diesem Zimmer. Der Sekundenzeiger zuckte rhythmisch und beharrlich, die Geschwister waren wie erstarrt. Sie waren auf nichts vorbereitet. Nicht im Geringsten."

Wohin mit Vater ist der Titel eines schonungslosen und unsentimentalen Buches, autobiografisch verfasst von einem Anonymus, dem Sohn des pflegebedürftigen Vaters. Das Buch berichtet, und eben das ist seine Stärke, ohne moralischen Überbau nichts anderes als die Geschichte dieses bis in jedes Detail hinein exemplarischen Einzelfalls, der Odyssee zweier verzweifelter Geschwister durch das deutsche Pflegesystem. Sie besuchen Heime und finden das nackte Grauen vor; sedierte Alte in Mehrbettzimmern, die morgens um fünf gewaschen und gewickelt werden, mit denen bis zur nächsten hygienischen Anwendung niemand mehr spricht. Sie erkundigen sich, was eine Rundumbetreuung des Vaters im eigenen Haus durch einen offiziellen Pflegedienst kosten würde, und können es kaum glauben: 10.000 Euro. Sie fühlen sich in einer Falle, aus der sie am Ende nur eine illegale Lösung herausführt. Sie hat den Namen Teresa und kommt aus Polen nach Deutschland, um Alte zu pflegen, deren Familien nicht ein noch aus wissen. Denn auch darin ist Wohin mit Vater? exemplarisch: in der Schilderung der tiefen Einsamkeit von Menschen, die zu Eltern ihrer Eltern werden und in dieser Verantwortung von einer desinteressierten Gesellschaft im Stich gelassen werden.

Desinteressiert? Nimmt man die mediale Berichterstattung und den Buchmarkt als Bewusstseinsbarometer der Nation, wird diese von kaum einem anderen Thema so umgetrieben wie von den Nöten, die sich aus der demografischen Revolution ergeben. Kein Tag ohne Zeitungsartikel über die Pflegereform. (Im Juni widmete die taz ein fünfseitiges Dossier der Frage: "Wohin mit Mama und Papa?") Keine Woche ohne Fernsehdokumentation über das, was man Pflegekatastrophe nennt. Und keine Bestsellerliste, auf der sich nicht ein Titel aus dem Themenkreis Alter, Pflege, Sterben und Demenz befindet. Undenkbar noch vor einem Jahrzehnt. Frank Schirrmachers Methusalem-Komplott aus dem Jahr 2004 und Markus Breitscheidels Undercover-Recherche Abgezockt und totgepflegt aus dem Jahr 2005 waren nur die prominentesten Beispiele einer regelrechten Buch- und Ratgeberlawine. Alter boomt. Gleichzeitig mit dem erzählenden Sachbuch Wohin mit Vater? veröffentlicht die Publizistin Christine Eichel den Essay Die Liebespflicht. Auch sie befasst sich, der Titel sagt es, mit der Verantwortungsethik der Generationen. Auch sie verwendet, wie der Anonymus, für den Moment, in dem die Eltern zu unselbstständigen Wesen und ihre Angehörigen existenziell herausgefordert werden, den apokalyptischen Begriff "Tag X". Beide Bücher entwerfen heikelste, ja aporetische Familienszenarien, beide verfolgen eine alarmierende Intention.