Sie war eine einzigartige Frau und zugleich unendlich viele. Intuitiv schien sie zu wissen, dass jede Figur, die sie verkörperte, in ihrer Seele schon verborgen lag und von ihr nur zum Leben erweckt werden musste. Dabei entwickelte sie ein Faible für keineswegs nur liebenswerte Frauen. Doch wenn sie nach ihrer Acting-Methode gefragt wurde, fiel ihr nichts dazu ein. "Ich werde ganz dumm, wenn mich jemand fragt, wie ich mich auf eine Rolle vorbereite", sagte sie, und dass es unmöglich sei, das analysieren zu wollen. "Der Charakter kriecht unter deine eigene Haut…"

Eine Schauspielschule hat sie nie besucht, ihr Talent war einfach da, und sie nutzte es. Einmal behauptete sie, sie hätte ebenso gut Nutte werden können. Ihr Vater hatte Frau und Kinder im Stich gelassen und ihr quasi seine Aufgabe überlassen: "Ich war schön, arm … und ich hatte für meine kleine Familie zu sorgen." Der niedere Dienst blieb ihr zum Glück erspart; stattdessen reifte sie zur Schauspielerin. Erst übernahm sie jede Rolle, später konnte sie sich Regisseure und Stoffe aussuchen. Dabei versuchte sie kaum, die Spuren der Zeit zu vertuschen – wozu auch, wie sie zugab: "So ist eben das Leben der Frauen, erst ist da ein hübsches Mädchen, dann eine schöne Frau. Dann eine Frau, die einmal schön war. Und dann ist man eben hässlich."

Ihrer Popularität tat das keinen Abbruch – obwohl das Land, in dem sie zum Star aufstieg, die weibliche Schönheit verehrt. Es war übrigens nicht ihr Geburtsland, was aber kaum einer wusste. Als junge Frau hatte sie den Mädchennamen der Mutter adaptiert: ihr Künstlername. Mit zwanzig feierte sie ihr Leinwanddebüt, mit dreißig eroberte sie das Theater, mit vierzig hatte sie den Lorbeer, von dem fast alle träumen. Sie erhielt ihn für die Darstellung einer Frau, die daran zerbricht, dass der Geliebte zum Emporkömmling wird und das gemeinsame Glück verrät.

Trotz aller Erfolge war ihr Weg kein leichter. Schauspieler sollen spielen und ihre Meinung ansonsten für sich behalten – das war die Erwartung, der sie sich oft widersetzte, was dem Fortkommen schon mal schadete. Ihr Mann, gleichfalls Künstler, bekam das auch zu spüren. Die beiden sollen viel gestritten haben, sodass andere glauben mochten, ihre Ehe sei bankrott – das schien aber nur so. Wie zum Beweis dafür traten sie dann wieder gemeinsam auf. Ihr innigstes Band seien die Blicke, die sie sich schenkten, verriet sie einmal; Blicke des stillen Einverständnisses und der gegenseitigen Bewunderung. Sie liebte es, in seinem Publikum zu sitzen und zu sehen, wie er die Herzen der Frauen schmelzen ließ. Er begehrte sie um ihrer starken Persönlichkeit und um ihrer Erfolge willen, auch wenn er hin und wieder auswärts nächtigte.

Doch dann war da die Kollegin, die ihr den Mann ausspannen wollte und es nicht schaffte. Die Verletzung wirkte noch lange nach. Wohl auch, weil die Kollegin ihr auf frappierende Weise ähnelte – nur dass sie selber schon sichtlich gealtert war. Hatte er in der Nebenbuhlerin die junge Frau wiederfinden wollen, in die er sich einst verguckt hatte? Wollte er "die Frau, die schön gewesen war", gegen ihr fast makelloses Spiegelbild eintauschen? Die Interpretation lag nahe und musste sie empfindlich treffen. Und dennoch hat sie später in ihren Memoiren der Konkurrentin "die schönsten zwanzig Seiten gewidmet, die je eine Frau über eine andere geschrieben hat" – so befand zumindest ein Rezensent.

Wer war’s?

Frauke Döhring

Lösung aus Nr. 33:
Ibn Battuta (1304 bis 1377), im Tanger geboren, brach 1325 zu einer Pilgerreise nach Mekka auf, reiste dann durch den Irak und Iran nach Afrika bis Sansibar, weiter nach Indien und China. Als er wohl 1348 wieder in Tanger war, diktierte er seinen berühmten Reisebericht. Seine letzten Reisen führten nach Spanien und durch die Sahara zum Niger. 1353 kehrte er zurück. – Der Riesenvogel der Seeleute ist der Vogel Rock aus Sindbads Abenteuern