Punkt halb neun explodieren die Boxen, der Beat ballert los, und sein Echo verliert sich wie Rauch im schwarzen Wüstenhimmel. DJ BeeBee aus Jordanien startet mit sanften Tranceklängen und entspanntem Bassgeblubber die "Voyage into Rum". Damit ist kein Zuckerrohrschnaps gemeint, sondern der berühmteste Teil der jordanischen Wüste, das gewaltige Wadi Rum, das Einheimische wie "Ramm" aussprechen. Das opening set läuft, jetzt könnte die nächtliche Reise über die Tanzflächen beginnen, endlich könnte ich Distant Heat, den "größten Rave im Nahen Osten", am eigenen Leib erleben. Aber – ich komme nicht durch. Ein Mann am Eingang mustert mich lang und intensiv und sagt schließlich: Welcome! Doch das Tor bleibt verschlossen. Als er weg ist, raunt einer der zwanzig Sicherheitsleute: Der ist von der Geheimpolizei! Be aware!

Das weiträumige Gelände im Nachtschatten gewaltiger Sandsteinfelsen ist besser gesichert als die jordanisch-israelische Grenze im fünfzig Kilometer entfernten Akaba. Hinter der Absperrung sehe ich die große, noch schwach illuminierte Freiluftbühne, die Lichttraversen, die leere Tanzfläche, den neonblau leuchtenden VIP-Bereich, die vielen Schlafzelte, die noch unbelagerten Getränkestände – und nun soll das Technotanzereignis ohne mich stattfinden? Auch die Kids um mich herum murren, es werden immer mehr.

Die ersten Busse rollen schon durch den Sand, Spaßkarawanen aus Amman und Akaba. Sie bringen Jordanier, Libanesen und Ägypter, Iren und Niederländer. Auch Italiener und sogar zwei Österreicherinnen. Gegelte Bartträger, heftig blondierte Frauen in Hotpants, barbrüstige Männer, die ihr blinkendes Handy als Distinktionsmerkmal um den Hals gehängt haben, grell geschminkte Schönheiten mit Glitzertops und auftoupierter Mähne. Sind sie die neuen Auserwählten? Schon Moses zog hier mit seinem Volk Israel durch und wies ihm den Weg ins Gelobte Land. War es vielleicht sogar an dieser Stelle, wo der erste verbürgte Wüstenrave stattfand, der Tanz ums Goldene Kalb?

Dann ist endlich Einlass. Ticket- und Taschenkontrolle. Ich komme durch, nur mein Wodka-Flachmann bleibt da. Drinnen gebe es genug zu trinken, sagt der Kontrolleur, ich solle aufpassen, wegen der Hitze. Die Kids drängen zur Tanzfläche. Der Technomuezzin ruft die Gemeinde. Jetzt werden wir das neue, moderne Jordanien erleben.

Das alte habe ich bereits gesehen. Auf dem Weg in die Wadi-Wüste durfte ich Petra bestaunen, die zweitausend Jahre alte Felsenstadt, und im Toten Meer sah ich rüstige Herrschaften, die versuchten, im Wasser Zeitung zu lesen. Wahrscheinlich studierten sie Berichte über die historische Hitzewelle, die über dem Land lastete. Es waren die heißesten Tage des Jahres, und die Jordan Times betete ein Ende des Hochs aus Indien herbei. In vielen Geschäften seien die Trinkwasservorräte schon ausverkauft, 45 Celsiusgrade in Akaba am Roten Meer.

Am Nachmittag hatte ich dann die Weisheit erreicht, aber nur geografisch. Rot glühte der Sand im Wadi Rum, das gleißend helle Licht hing wie ein Gazevorhang über den Felsformationen und ließ das gigantische Gebilde vor mir, die "Sieben Säulen der Weisheit", wie eine Fata Morgana erscheinen. So hatte sie der britische Archäologe, Geheimagent und Kriegsheld T. E. Lawrence nach einem steinalten Bibelzitat benannt, und so nannte er später auch seine Autobiografie.

Diese sieben Säulen, dieser hochhaushohe Sandsteinkoloss, das war so eine Art IQ-Test. Ich konnte beim besten Willen nur fünfeinhalb Säulen zählen, mit Schummeln vielleicht sechs. Nur der wahrlich Weise kam wohl auf sieben. Außerdem sahen die gewaltigen Pilaster mit ihrem sandfarbenen Puderzuckerüberzug eher aus wie gestapelte Coca-Cola-Flaschen. Aber "Sieben Säulen der Weisheit", das hörte sich einfach viel besser an als "Fünfeinhalb gepuderte Colaflaschen".