Freiwillige Wehrpflicht! Hoho, höhnt es da gleich von überall her: Auf so einem schwarzen Schimmel können auch nur Sozis reiten wollen. Diesmal jedoch besteht keinerlei Anlass, sich über die SPD lustig zu machen. Schließlich hat sie dem tiefen Widerspruch der neuen Verteidigungspolitik nur einen Namen gegeben – erfunden hat sie ihn nicht. Ohnehin ist die Debatte um die Wehrpflicht nur eine politische Übersprungshandlung für ein viel ernsteres Problem: dafür, dass in Afghanistan Deutsche in einem Einsatz sterben, gegen den eine Mehrheit der Bürger ist.

Dort unten die deutsche Sicherheit zu verteidigen, das hat die Regierung Schröder seinerzeit beschlossen, die Große Koalition hält daran fest. Wenn es aber stimmt, dass in Afghanistan das deutsche Vaterland verteidigt wird, warum schickt die Bundeswehr dort nur Freiwillige hin? Denn genau zu diesem Zweck wurde die Wehrpflicht ja mal eingeführt: damit das Vaterland verteidigt werden kann. Wer aber dorthin, wo es ernst wird, nur Freiwillige schickt und Wehrpflichtige lediglich dort einsetzt, wo es garantiert nichts zu verteidigen gibt, der hat sich schon von der Wehrpflicht verabschiedet – oder er landet eben bei der »freiwilligen Wehrpflicht«, er kann sich nicht entscheiden. Ist also Afghanistan ein deutscher Verteidigungsfall, ja oder nein?

Tatsächlich geht es um viel mehr als die Wehrpflicht oder die Frage, ob es legitim ist, alle Männer eines Jahrgangs zu zwingen, sich vor einem Musterungsarzt bis auf die Unterhose auszuziehen. Es geht darum, ob die Politik zu ihrer neuen Verteidigungsstrategie steht oder nicht. Wenn die Sicherheit dieses Landes im Prinzip überall auf der Erde verteidigt werden muss, wenn heute nicht absehbar ist, welchen Umfang diese Verteidigungspolitik haben wird, wenn also niemand weiß, wann wie viele Soldaten gebraucht werden, warum soll dann die Wehrpflicht abgeschafft oder aufgeweicht werden?

Der Grund für dieses verquere und irgendwie verdächtige Verhalten der Politik ist für Spott gleichfalls nicht geeignet. Die Globalisierung bringt es einfach mit sich, dass zwischen einer nahen und einer fernen Bedrohung, zwischen innen und außen nicht mehr scharf zu unterscheiden ist. Der asymmetrische Krieg in einer dicht vernetzten Welt ist eben neu. Dadurch bekommt ausgerechnet der Teil der Politik, bei dem es um Leben und Tod geht, etwas Vages und Spekulatives. Man sieht keine fremden Armeen aufmarschieren, man stellt keine Panzerbewegungen fest, man weiß überhaupt recht wenig, jedenfalls gemessen an den existenziellen Folgen, die Einsätze im Libanon oder in Afghanistan haben können. Dennoch schickt man Soldaten in den Tod – und zum Töten.

Etwas kommt hinzu, das die Verteidigungspolitik noch schwerer erträglich macht. In Wahrheit befinden sich Deutschland und der Westen angesichts neuer Bedrohungen in einer Phase von Versuch und Irrtum. Intervention, Prävention, Sanktion, Realismus, Idealismus, Helfen, Dreinschlagen, Weggucken – alles wird probiert, wenig funktioniert. Es sind Experimente, auch mit Menschenleben.

Tragischerweise ist daran nichts zu ändern. Selbstverständlich sind ideologische, fahrlässige Kriege wie der im Irak kriminell, doch eine klare Linie für die Zukunft haben auch die Gegner des Irakkrieges nicht. Sogar der Nichteinsatz von Militär kann als Anreiz für Terror verstanden werden. Niemand ist also im Moment auf der sicheren Seite, weder politisch noch moralisch.

Illusionär wäre es darum auch, sich jetzt einzureden, man könne in Afghanistan einfach die militärische Komponente abtrennen und nur noch zivilen Aufbau betreiben. Der Beschluss etwa der Grünen, die Isaf-Mission (eher friedlich) weiterzuführen und aus der Operation Enduring Freedom (eher kriegerisch) auszusteigen, befriedet das eigene Gewissen, aber nicht den Süden Afghanistans.