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Miriam* tippt Buchstabe für Buchstabe: »Die Mopro müssen in die Regale.« Wieso Mopro, fragt der Lehrer. »Ach ja, Molkereiprodukte«, verbessert sie auf ihrem PC. Die Achtklässler der Schule Bindfeldweg in Hamburg tippen ihre Praktikumsberichte. Miriam arbeitet beim Lebensmittelhändler. Marco hilft beim Klempner, Jasmin in einem Geschenkeladen.

Die drei besuchen eine »Kompassklasse«: zwei Tage Betrieb, drei Tage Schule. Der Lehrer ist begeistert: »Wir haben gerade zum ersten Mal einen Schüler direkt in einen Ausbildungsplatz vermittelt.« Dass die Schüler am Ende der langen Schulzeit eine Lehrstelle bekommen, gehört zu den absoluten Ausnahmen. Über mangelnden Zulauf kann sich dennoch keine Förderschule beschweren. In diesem Jahr seien ihm und seinen Kollegen von den Kitas, den Grund- und den weiterführenden Schulen der Umgebung 70 Kinder zum Testen gemeldet worden, bestätigt der Schulleiter Enno Bornfleth den Trend. Zwei Drittel würden aller Erfahrung nach als »förderungsbedürftig« eingestuft, sie kommen künftig an die Förderschule am Bindfeldweg. Bornfleth ist mit Überzeugung Sonderschulpädagoge. Er sei zwar für einen gemeinsamen Schulbesuch von behinderten und nichtbehinderten Kindern. Wenn dies aber nicht mehr gehe, sei die Sonderschule keineswegs eine Sackgasse, sondern »ein Schonraum«.

In der großen Pause sitzen zehn Schüler zusammen. Strafsitzung. Im sogenannten Denkraum darf nicht gesprochen werden. Alle sollen die Hausordnung abschreiben. Murad hat »Wichser« zu einem Mitschüler gesagt. Daniel, der Kleinste, sitzt wegen »Penner«. Die übergewichtige Joy hat Chips gegessen, obwohl noch nicht Pause war.

Der UN-Gesandte kritisiert die deutsche »Politik der Absonderung«

Die Schule Bindfeldweg ist eine »Förderschule für Lernbehinderte«, eine von 21 allein in Hamburg. 51 Prozent aller deutschen Sonderschüler gelten als lernbehindert und besuchen eine solche Förderschule, eine Schulform, die es im Ausland häufig nicht gibt. Hier sitzen die Kinder der Armen und der Migranten – und überproportional viele Jungen. In der Hierarchie der Sonderschulen steht die Förderschule ganz unten. Während die Schulen der im Fachjargon zuweilen abschätzig so genannten »Edelbehinderten« (Blinde, Hör- und Sehschwache, aber auch Körperbehinderte) unter anderem durch Spenden gut ausgestattet sind, werden Förderschüler laut Franz Rumpler, dem Vorsitzenden des Verbandes Sonderpädagogik, häufiger in baufälligen Gebäuden unterrichtet.

In Deutschland besucht nahezu jeder zwanzigste Schüler eine Sonderschule. Im Jahr 2003 galten laut Statistik der Kultusministerkonferenz 429.000 Schüler als »förderbedürftig«. Es sind dies Kinder, die, so eine Definition, »im Regelunterricht nicht oder nicht ausreichend gefördert werden können«. Zwischen 1995 und 2002 stieg ihre Zahl um fast 40.000, also zehn Prozent. 85 Prozent der deutschen Sonderschüler werden in eigenen Schulen unterrichtet. Nur in der Schweiz und im flämischen Teil Belgiens sind behinderte Kinder ähnlich stark separiert. Vernor Muñoz Villalobos, Inspektor der UN-Menschenrechtskommission für Bildung, attestierte Deutschland daher kürzlich eine »Politik der Absonderung«.

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Auch Wissenschaftler wie der Hamburger Pädagoge Hans Wocken haben ihre Zweifel am Sinn der Separierung durch die Sonderschule. Unter der Fragestellung »Fördert Förderschule?« hat er vor drei Jahren die Schülerleistungen zweier Bundesländer miteinander verglichen, Hamburg und Brandenburg. In Hamburg besuchen 2,7 Prozent aller Schüler eine Förderschule für Lernbehinderte, in Brandenburg 3,9 Prozent. Seine simple These: Angenommen, der Anteil behinderter Kinder an der Gesamtpopulation ist überall gleich, so müsste gelten: Dort, wo mehr Schüler auf die »Förderschule« gehen, somit mehr gefördert werden, also in Brandenburg, müssten die Schüler besser sein als dort, wo weniger gefördert wird (in diesem Falle Hamburg). Das Gegenteil war der Fall. Wockens provokantes Fazit: »Je länger ein Schüler in der Förderschule ist, desto dümmer wird er.« Die Statistik stützt seine Skepsis: 80 Prozent aller Sonderschüler bleiben – trotz oftmals deutlich verlängerter Schulzeit wegen Sitzenbleibens – ohne Hauptschulabschluss.

Dass in Brandenburg mehr Kinder die Förderschule besuchen als etwa in Hamburg, ist nicht überraschend. Im Sonderschulbereich herrscht ein deutliches West-Ost-Gefälle. Während die Gesamtzahl aller Sonderschüler im Bundesdurchschnitt bei 4,8 Prozent liegt, weist etwa Mecklenburg-Vorpommern 7,1 Prozent auf. Das gleiche Bild zeigt sich bei den Lernbehinderten. In Sachsen-Anhalt gelten 5,2 Prozent aller Schüler als lernbehindert, in Niedersachsen, dem West-Land mit der höchsten Förderschulbesuchsquote, nur 2,9 Prozent. Warum die hohe Zahl von Förderschülern im Osten? »Es gibt ein eingespieltes Netzwerk von Schulärzten, Horten, Grundschulen, das bei der Überweisung von Kindern an die Sonderschule reibungslos funktioniert«, sagt Steffen Petzack, Referent für sonderpädagogische Förderung des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Er kritisiert, dass zu viele Kinder zu früh auf die Förderschule überwiesen werden: »Es gibt schon Erzieher im Kindergarten, die angeblich wissen, dass ein Kind eine Lernbeeinträchtigung hat.«

Die Schule am Fernsehturm in Schwerin gehört zu den gut geführten im Lande. Sie wurde kürzlich, obwohl Förderschule, für ihre »überdurchschnittliche Berufsvorbereitung« mit einem Sonderpreis der Initiative Hauptschule ausgezeichnet. In der neunten Klasse geht es heute um das Thema »Gewalt«. Die Schüler stellen ihre Projekte vor. Der Unterricht verläuft ruhig. Die Schüler sagen wenig. Ihre Lehrerin spricht umso mehr. Eigentlich umfasst die Klasse elf Schüler, doch im Klassenraum sitzen nur sieben. »Zwei sind krank, zwei sind nicht gekommen, das ist Alltag«, sagt Jutta Wilske. Die Neunte besteht aus Schülern, die andere Sorgen haben, als sich gut zu artikulieren. Da ist Kevin, ein Kleinkrimineller, der schon einige Verfahren am Hals hat. Eine Mitschülerin ist bereits zum zweiten Mal schwanger, eine andere wohnt in einer Jugendwohnung und bricht bei der Frage nach den Gründen in Tränen aus. 80 Prozent der Eltern dieser Schule seien »Hartz-IV-Bezieher«, sagt die Schulleiterin.

Wenn Hans Wocken derartige Geschichten hört, urteilt er hart. Er nennt die Förderschulen den »Abfalleimer des Systems«. Das liege nicht an den Lehrern und auch nicht an den Schülern, das liege in der Logik des deutschen Schulwesens. In der Förderschule herrsche ein »monotones Milieu«. Die Anforderungen würden reduziert und die Hilfen intensiviert – sodass den Kindern nichts mehr abverlangt werde. Von dort gebe es keinen Aufstieg, eine Rückschulung in die Hauptschule komme praktisch nicht vor. »Minus-Didaktik« nennt Wocken die traditionelle Lernbehindertenpädagogik. In den Lerngruppen befänden sich alle Schüler mehr oder weniger »auf einem niedrigen Sockelniveau«. Positive Modelle fehlten. Sein Gesamturteil: »Die Förderschule ist nicht verfassungsgemäß.« So verstößt sie möglicherweise gegen das Prinzip der Gleichbehandlung. »Schüler, die in ärmeren Verhältnissen leben oder einen Migrationshintergrund haben, werden bei gleichen Leistungen mit höherer Wahrscheinlichkeit früher und schneller auf eine Förderschule überwiesen als andere«, hat die Pädagogin Brigitte Kottmann herausgefunden, die für ihre Dissertation Überweisungsgutachten analysierte.

Eine sechs Jahre dauernde Grundschule für alle könnte helfen

Das Interesse an dem, was hinter den Türen der Sonderschulen passiert, ist in der Gesellschaft insgesamt nur gering ausgeprägt. Den Göttinger Bildungssoziologen Justin Powell hat überrascht, dass er am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin »innerhalb von 40 Jahren erst der Zweite war, der sich überhaupt mit dem Thema Sonderschule beschäftigt hat«. Dabei sei Deutschland doch einst führend gewesen in der Behindertenpädagogik. Powell kommt aus den USA und hat beide Fördersysteme verglichen. Was ihm besonders auffiel: In den USA werde mehr Kindern ein »Förderbedarf« attestiert als in Deutschland, die Hälfte von ihnen verbleibe aber in Regelschulen. Zwar gebe es auch in Amerika Sonderschulklassen, doch seien diese ausdrücklich heterogen zusammengesetzt.

Natürlich gibt es auch in Deutschland analog dem internationalen Trend längst gemeinsamen Schulbesuch von Behinderten und Nichtbehinderten. Allerdings stagniert die Entwicklung, und es bestehen große regionale Unterschiede. So besuchen in Bremen 61 Prozent aller lernbehinderten Schüler ihre Schule gemeinsam mit nichtbehinderten Kindern, in Sachsen aber nur ein Prozent. Zudem bricht Integration in aller Regel nach Ende der vierten Klasse ab. Länder wie Sachsen haben ausdrücklich in ihren Schulgesetzen verankert, dass von der Sekundarstufe eins an »lernzieldifferenziertes Lernen« nicht mehr gestattet wird.

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Hans Wocken favorisiert eine sechs Jahre dauernde Grundschule für alle. Man könne zugrunde legen, dass, so ein Richtwert, jede Schule etwa zehn Prozent förderungsbedürftige Kinder habe. »Für die gibt es extra Geld und Ressourcen, aber keine Trennung.« Doch ein solches Modell mobilisiert Ängste, nicht zuletzt bei Eltern, die fürchten, dumme Sonderschüler in der Klasse könnten der Karriere ihrer eigenen Sprösslinge schaden. Brigitte Schumann, die langjährige Gymnasiallehrerin und bildungspolitische Sprecherin der Grünen im nordrhein-westfälischen Landtag, nennt die Sonderschule für Lernbehinderte eine »Schonraumfalle«. Von 240 in ihrer Dissertation befragten Schülern gab fast ein Drittel an, ihre Lehrer seien »froh gewesen, sie loszuwerden«. Sonderschüler hätten überwiegend kein positives Selbstbild, sondern das Gefühl der Stigmatisierung.

Es scheint so, als ob nach den Pisa-Studien endlich auch eine Diskussion über die inoffizielle vierte Säule des Schulsystems beginnt. Pisa hatte für Deutschland 23 Prozent Risikoschüler ermittelt – und das bereits ohne die Sonderschüler, die nicht in der Stichprobe waren. Die Sonderschule müsse daher auch teilnehmen an nationalen wie internationalen Vergleichsuntersuchungen, fordert Irmgard Schnell, Sonderpädagogin aus Frankfurt am Main. Seit Jahrzehnten sei es »der wissenschaftlichen Sonderpädagogik nicht gelungen, der Schule für Lernbehinderte positive Effekte eindeutig nachzuweisen«.

* alle Schülernamen von der Redaktion geändert