Jeden Sommer treffen sich an der Hamburger Hochschule für Musik die Stars von morgen

Immer wieder in den Semesterferien wechselt der Sound in der Hamburger Hochschule für Musik und Theater von E nach U. Dann werden die Rhythmen treibend, die Melodien eingängig, die Instrumente elektrisch verstärkt. Dann begegnet man auf den Fluren nicht Klavierwunderkindern aus Russland, sondern Typen wie dem Schlagzeuger Sven Jentgins aus Mönchengladbach, 20 Jahre, in Turnschuhen, mit blondierten Haaren und T-Shirt vom Hard Rock Cafe. Sie alle haben ein Ziel: Leute kennenlernen, die genauso begeistert sind von Rock und Pop wie sie selbst, mit ihnen Musik machen – und vielleicht den Durchbruch schaffen. So wie andere Teilnehmer des Popkurses vor ihnen: von Ute Lemper, die 1983 als erste Absolventin bekannt wurde, bis zu Revolverheld, dem jüngsten Erfolg. Dazwischen kamen Tim Fischer, Rosenstolz, Seeed, Wir sind Helden, Roger Cicero und viele mehr. Wenn Sven Jentgins an diesem Donnerstag auf der Bühne steht, gibt zum 25. Mal eine Klasse des Kontaktstudiengangs Popularmusik ihr Abschlusskonzert.

Zweimal drei Wochen dauert der Popkurs. Er soll nur einen Anschub geben, die Teilnehmer sollen den Kontakt zu der Szene nicht verlieren, in der sie normalerweise musizieren. Jedes Jahr schicken rund 300 junge Musiker Aufnahmen ihrer Lieder ein, rund 100 lädt die Jury zum Vorspielen nach Hamburg, etwa 60 werden genommen. Sie erwartet ein dichtes Programm aus Instrumental- und Gesangsunterricht, Musiktheorie und Einführung in das Musikgeschäft, dazu Kurse zum Komponieren und Texten von Songs und Improvisationstheater für einen überzeugenden Auftritt auf der Bühne. Beim Abschlusskonzert treten sich dann gewöhnlich Produzenten und Vertreter von Plattenfirmen im Publikum auf die Füße.

Beschränkungen gibt es keine, weder beim Alter noch bei der Wahl des Instrumentes; eine Harfenistin war schon dabei, DJs haben mitgemacht und Leute, die ihrem Laptop Töne entlockten. Früher war die Teilnahme am Popkurs kostenlos. Seit der Reform des Hamburger Hochschulgesetzes gilt das Programm als kostenpflichtige Weiterbildung. Rund 500 Euro bezahlt jeder Teilnehmer, der Rest kommt aus Spenden.

Kann man Rock ’n’ Roll überhaupt an einer Hochschule lernen? "Zu viel Ausbildung ist nicht gut", sagt Peter Weihe. Weihe ist einer der besten Gitarristen des Landes, hat mit Eric Clapton im Studio gestanden und mit dem Royal Philharmonic Orchestra Aufnahmen gemacht. Seit der Gründung 1982 ist er Dozent beim Popkurs. Popmusik sei nichts, was in einem kompletten Studiengang gelehrt werden müsse, sagt er. Gerade die Beschränkungen, die ein Musiker habe, ließen in der Popmusik seinen eigenen Stil entstehen. Deshalb werden Notenkenntnisse im Popkurs ebenso wenig vorausgesetzt wie virtuoses Spiel auf dem Instrument. Schließlich hätten auch die ersten Rockmusiker keine andere Ausbildung gehabt als ihre Respektlosigkeit und das, was sie zu Hause gehört hätten, sagt Weihe. Wozu dann ein Studium für Popularmusik? "Manchmal ist es der vierte Akkord, den einer lernt, der den Durchbruch bringt", sagt der Gitarrist. Nicht zuletzt deshalb hat sich die Hochschule dagegen entschieden, aus dem Popkurs einen dreijährigen Bachelorstudiengang zu machen. Der Marktwert eines Popmusikers wird eben nicht von akademischen Titeln bestimmt.

Das Casting, die Einzelstunden, das Bandtraining – man könnte meinen, Formate wie Popstars und Deutschland sucht den Superstar seien beim Popkurs abgeschaut. Aber das Prinzip könnte kaum unterschiedlicher sein. Die Pop- und Superstars werden nicht gecastet, um sich selbst zu verwirklichen, sondern um die Vorstellungen der Labels zu erfüllen.