Stanley Bard streckt eine Hand zur Begrüßung aus, in der anderen hält er eine Banane. Lächelnd schaut er auf seine braunen Slipper herunter. Sie sind nass.

Seit fünf Uhr ist er im Hotel. Prasselnder Regen auf dem Fensterbrett seiner Wohnung hat ihn geweckt: ein Sommergewitter über New York. Er zog sich gleich an und fuhr los. Wenn es stark regnet, läuft der Keller des Chelsea-Hotels voll, Bard hat ein gutes Ohr dafür, er hat das Chelsea 47 Jahre lang geführt. "Ich musste sicherstellen, dass der Strom nicht ausfällt", sagt er, "dass die Aufzüge weiterlaufen."

Jetzt ist es acht, und er sieht müde aus: ein kleiner alter Mann in einer riesigen alten Holztür, die sein Büro von der Lobby trennt. Im Büro ist es halbdunkel. Rollos schirmen es von Manhattans 23. Straße ab. Die Decke ist stuckverziert, mit Putten bemalt. "Originalgetreu restauriert", sagt er, "ich habe sechs Jahre dafür gebraucht." Bard setzt sich hinter seinen Schreibtisch, auf dem ein Stapel Pappschilder liegt. "Bitte nicht stören", steht darauf und darunter als Begründung: "Ich beende gerade meine Sinfonie" – eine ironische Referenz auf die Gäste. Das Chelsea ist das New Yorker Künstlerhotel. Hier sind in den vergangenen 50 Jahren alle abgestiegen, die bestimmend waren für das, was man heute Popkultur nennt. "Stanley Kubrick kam, weil Arthur C. Clarke hier wohnte, Bob Dylan kam, weil John Lennon hier übernachtete. Morgens fand ich in den Gängen die Groupies", sagt Bard und rüttelt an seiner Computermaus, doch der Computer ist tot.

"Jetzt haben die auch noch…" Bard springt auf und schimpft: "Es ist ekelhaft, demütigend, peinlich – David!" Er läuft quer durch die Lobby auf einen muskulösen Mann mit einer Halbglatze zu, der eingefroren grinst.

Hotelbewohner haben T-Shirts bedruckt: "Bringt die Bards zurück"

Keine Viertelstunde sitzt man mit Stanley Bard zusammen, und schon ist man mittendrin im Streit um die Vorherrschaft im Künstlerhotel. Draußen an den Balkonen hängen Bettlaken mit der Aufschrift "Hotel Chelsea – Haus der Familie Bard". Ein Hotelbewohner hat T-Shirts mit der Forderung "Bringt die Bards zurück" bedruckt.

Seit 1939 hat Stanley Bards Familie das Hotel geführt. Der Vater hatte es gekauft. Als er in den vierziger Jahren Geld brauchte, musste er zwei Teilhaber hinzunehmen. Doch die Bards behielten das Sagen, die beiden anderen Familien saßen beratend in einem Direktorium. Vor zwei Jahren haben die Erben der Teilhaber vor Gericht erstritten, dass für zehn Jahre jede Besitzerfamilie im Direktorium das gleiche Stimmrecht hat. Nun haben sich die beiden anderen Familien zusammengetan und Stanley Bard als Manager abgesetzt. "Das Direktorium des Chelsea-Hotels hat der Firma BD Hotels das Management übertragen", hieß es in der Presseerklärung. "Die Familie Bard wird weiter eine Rolle spielen."

Einer der Erben ist David Elder, der Mann, auf den Stanley Bard gerade einredet. Elder schaut genervt: Stanley Bard spielt eine größere Rolle, als ihm lieb ist. Er kommt trotz Kündigung jeden Morgen ins Büro. Elder besetzt meistens schon eine Viertelstunde früher seinen Posten an der Eingangstür. "David ist nur hier, um mich zu kontrollieren", sagt Bard.