Wer in der Politik nach oben will, hat lange, beschwerliche Jahre vor sich. »Ochsentour« heißt der Aufstieg aus der Bedeutungslosigkeit. Dafür tritt man am besten wie Roland Koch als Pubertierender in die Partei ein, steht an Informationsständen, lässt Regen und Beschimpfungen an sich abperlen und schüttelt viele, viele Hände. Oder man macht es wie Dietlind Tiemann.

2001 trat sie in die CDU ein. 2003 wurde sie Oberbürgermeisterin von Brandenburg an der Havel. »Ich bin keine Politikerin«, sagt sie. »Ich hoffe, ich werde nie eine.« Darauf gründet ihr Erfolg.

Vor vier Jahren wurde Tiemann Oberhaupt einer Stadt, die nach der Wende vor allem negative Schlagzeilen machte. »Investitionsruine«, schrieben die Zeitungen, »Sinnbild der Hoffnungslosigkeit«. In der Landeshauptstadt Potsdam würfelten die Politiker, wenn wieder eine Stippvisite in Brandenburg anstand. Der Verlierer musste fahren. Damals zogen die Bewohner in Scharen fort, Millionen von Euro versickerten, die Fassaden im Zentrum aber blieben schäbig. Der Marktplatz, das Herz der Stadt, war eine Baugrube, in die Passanten ihre leeren Bierdosen hineinwarfen.

Ein Investor hatte hier eine Baugrube ausheben, dann aber auf Taten warten lassen. Ganze sieben Jahre lang. Bis die Bauunternehmerin Dietlind Tiemann 2003 im Wahlkampf eines Tages eine Lkw-Kolonne losschickte. Am Abend war das Brandenburger Loch zugeschüttet – und die Genossen von der SPD waren schwer verärgert. Sie hatten vor ein paar Jahren dieselbe Idee gehabt. Allerdings hatten sie nur einen Lastwagen geordert, der eine mickrige Ladung Sand in die Grube kippte.

Doch Brandenburg hatte genug von verzagten Politikern mit Hang zur Symbolik. Einige Wochen später gewann Dietlind Tiemann die Wahl.

Weitab von der Altstadt, in Hohenstücken, warten die Bewohner auf ihre Bürgermeisterin, die das neue Bürgerhaus für Vereine und Behörden einweihen soll. Hohenstücken gehört zu den Problembezirken der Stadt. Das neue Bürgerhaus hat zweieinhalb Millionen Euro gekostet. Der Himmel über der Hochhaussiedlung ist grau, als Dietlind Tiemann bunt gekleidet aus ihrem Dienstwagen, einem Audi Quattro, steigt.

Die Oberbürgermeisterin trägt einen rot-weißen Blazer, eine rote Hose, rote Pumps und Perlenohrringe. Ihre langen Nägel sind knallrot lackiert, ihre Brille hat rote Bügel. Dietlind Tiemann ist klein, Dietlind Tiemann ist nicht zu übersehen.