Was ist Journalismus? Journalismus lebt von der Annahme, Journalisten wüssten mehr als ihre Leser und bekämen Geld dafür, dieses Mehrwissen vor den Lesern auszubreiten. Dass die Annahme falsch ist, scheint niemand zu stören, am allerwenigsten die Journalisten selbst, obwohl jede Bestsellerliste ein halbes Dutzend Bücher nennt, die kein Journalist kennt, die sich aber größter Beliebtheit unter den Lesern erfreuen. Ein besonders kurioses Beispiel ist der Titel American Penis, der es innerhalb von zwei Wochen an die Spitze der Verkaufshits geschafft hat, aber bisher von keiner Zeitung besprochen wurde und wahrscheinlich, wir wetten darauf, auch in Zukunft keinen Rezensenten finden wird. Warum? Weil Journalisten auf Prominente fixiert sind und es sich eben nicht um einen Roman des skandalumwitterten Bret Easton Ellis handelt, der damit etwa die lang erwartete Fortsetzung von American Psycho geliefert hätte. Es handelt sich vielmehr um ein Sachbuch mit dem trockenen Untertitel Eine politische Biographie. Die Buchhändler lieben den Titel, er verkauft sich praktisch von selbst. Auf dem Umschlag das berühmte Bild vom 11. September, der hoch aufragende Wolkenkratzer der Twin Towers, in den das Flugzeug der Terroristen rast, darüber in Flammenschrift American Penis, darunter dräuend Eine politische Biographie. Was braucht man mehr, um zu wissen, dass hier das amerikanische Machotum in der Stunde seiner größten Kränkung durch das arabische Machotum geschildert werden wird? Und in der Tat verzichtet der (anonyme) Autor auf alle weiteren Erklärungen. Das Buch ist leer. Die Sensation auf dem nach Sensationen gierenden Buchmarkt! Die zweihundert weißen Seiten können von jedem Leser selbst mit seinen Projektionen und Gedanken gefüllt werden. Endlich ein gut lesbares Sachbuch. Ein anschauliches Werk, das den meisten aus dem Herzen sprechen wird. Was viele sich heimlich gedacht haben – »endlich steht es mal in einem Buch«. Dies, sagen die Buchhändler, sei der Satz, den die Kunden benutzten. Die Mund-zu-Mund-Propaganda läuft. Keine Plakate, keine Rezensionen, aber American Penis ist in aller … Nun ja. Die Chefredakteure sind verzweifelt. »Warum hatten wir das nicht im Blatt?« Die Journalisten schweigen. Sie haben nichts zu rezensieren. Die Leser haben sich selbstständig gemacht. Finis