Chancengleichheit und soziale Mobilität zählen zu den Grundwerten der französischen Republik. Doch im Alltag ist es um die Égalité weniger gut bestellt. Zwar machen mittlerweile 70 Prozent aller französischen Jugendlichen das Abitur (baccalauréat). Dabei sind auch Schüler aus Arbeiter- und Angestelltenhaushalten angemessen repräsentiert. Doch an den Hochschulen sinkt ihr Anteil auf knapp 20 Prozent. Noch drastischer ist die Auslese an den landesweit über hundert Eliteinstituten der Grandes Écoles, zu denen die Verwaltungshochschule ENA und die großen Ingenieur- und Wirtschaftsschulen zählen. Dort stammen nur vier bis sechs Prozent der Eleven aus einfacheren sozialen Schichten.

An dieser sozialen Inzucht bei der Elitenreproduktion beißen sich die Bildungspolitiker seit Jahrzehnten die Zähne aus. Mal richten sie Förderprogramme für soziale Brennpunkte ein, mal gründen Eliteschulen Filialen in den Banlieues, um begabte Vorstadtjugendliche zu rekrutieren. Doch die sozialen Codes bleiben intakt.

Allein der Gebrauch der klassischen, extrem disziplinierten Hochsprache und dazu die geradezu musikalische Sprechweise der miteinander lückenlos verknüpften Wortkaskaden sind untrügliche Duftmarken der gehobenen Erziehung. Rigoros ist auch die territoriale Auslese durch Wohnadressen und Schulstandort; so kommen das 5., 6., 7. und 16. Arrondissement in Paris als Anschriften einer Art von Adelsnachweis gleich. Die Tischsitten mögen sich gelockert haben. Doch unverändert ist, dass vornehme Franzosen trotz ihrer ausgeprägten Weinkultur Trunkenheit in Gesellschaft als Todsünde empfinden. Vor allem zeigt sich die Zugehörigkeit zum sesshaften Bürgertum in der Vorliebe für die legendären Wohnträume, die Napoléon III. und sein Präfekt Haussmann Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet hatten. Weniger durch ihre Größe als durch ihre Ausstattung mit Stuck, Parkett, Flügeltüren, Enfiladen und raumhohen Spiegelwänden über Marmorkaminen versuchen diese Etagenwohnungen bis heute, jedes Bürgerhaus in einen Adelssalon zu verwandeln.

Darin erkennt sich die republikanische Aristokratie, die sich vor allem in den grands corps von Regierung und Verwaltung findet. Doch dieser Staatsadel zeigt Auflösungserscheinungen: Während frühere Regierungen in der Mehrheit aus ENA-Absolventen bestanden, befindet sich in der neuen Regierung des Präsidenten Sarkozy nur noch ein einziger Enarch. Michael Mönninger