Vor zehn Jahren übernahm New Labour mit dem Schlachtruf "Erziehung, Erziehung, Erziehung!" die Macht in Großbritannien. Letzten Donnerstag fand das alljährliche Ritual der Veröffentlichung der A-Level-Ergebnisse statt. Jedes Jahr erzielen mehr Schüler bei dem britischen Äquivalent des Abiturs Bestnoten. 1997 wurden knapp 16 Prozent aller eingereichten Arbeiten mit "A" bewertet, dieses Mal waren es 25 Prozent. Die Regierung feiert das als Erfolg einer Bildungspolitik, die immer weiteren Schichten den Zugang zu Hochschulen ermöglicht. Kritiker bemängeln, die Prüfungen würden ständig leichter. Beides stimmt.

Über 40 Prozent eines jedes Schülerjahrgangs gehen heute auf eine Universität. Doch in erster Linie profitiert der Mittelstand. Die Verbesserung der Prüfungsergebnisse sind den staatlichen Gymnasien, die man nur nach einer strengen Aufnahmeprüfung besuchen kann, und den immer beliebteren, wenngleich sündhaft teuren Privatschulen geschuldet. Es sind die Bildungsrefugien des Bürgertums.

Die üblichen Staatsschulen in proletarischen Wohngegenden sind nach wie vor erbärmlich. Die Zahl der Kinder aus ärmeren Haushalten, die den Sprung auf eine Hochschule schaffen, bleibt unverrückbar bei 28 Prozent hängen. Man kann der Regierung kaum vorwerfen, sie täte nichts, um weniger Bemittelten das Studium zu erleichtern, sie vergibt großzügig Beihilfen und Darlehen. Das schlechte Abschneiden der Ärmeren ist nicht zuletzt einer unausrottbaren Bildungsfeindlichkeit der Unterschicht geschuldet.

Zwar gehört die alte englische Klassengesellschaft heute der Vergangenheit an. Doch New Labour befördert paradoxerweise die Unmündigkeit der weniger Bemittelten. Die Partei hofiert Prominenz, deren Ruhm nicht gerade auf Geistesgaben beruht, sie umschwänzelt Rupert Murdochs Volksverdummungsblatt The Sun . David Beckham avancierte zum Idol, Big Brother zur beliebtesten TV-Show des Landes. Die kulturelle Verflachung fördert nicht gerade den Bildungshunger der Unterschicht. Reiner Luyken