Mit anderen Worten: Der ganze bizarre Aufwand, der Tüftlerehrgeiz und die Wichtigtuerei, mit denen zuvor Musikanlagen zusammengestellt und optimiert wurden, waren mit einem Mal hinfällig. Oder noch einmal anders gesagt, dem tragischen Kern des Umsturzes näher gerückt: Um doch besser zu klingen als eine wurschtig zusammengesteckte Durchschnitts-CD-Anlage, musste für Hi-Fi plötzlich viel, richtig viel, sehr viel, schlimm viel Geld ausgegeben werden. Es war Anfang der neunziger Jahre, dass sich der Markt spaltete: in eine achtlose musikalische Massenversorgung und eine kostbare und esoterische, auch sektiererische Boutiquenware. Es gab Geräte, die wurden einem nachgeschmissen, und es gab Geräte, die man nicht kaufen konnte, sondern mühsam organisieren musste.

Es begann die Zeit der klandestinen Beschaffungsreisen aufs Land, in trostlose Vorstädte oder Gewerbehöfe, wo gescheiterte Langhaarstudenten exotische britische Kleinserienverstärker oder die ersten amerikanischen Vorboten des Kabelwahns verkloppten. Denn bei den letzten Eiferern der Klangtreue hatte sich der Perfektionismus inzwischen auf die kleinsten Details der Wiedergabekette geworfen, auf die Stecker und Strippen, und über kritische Kapazitäten und Widerstände wurde nächtelang gestritten. Es war die Zeit der ersten Einbrüche von Aberglauben in die Welt der Technik, der Wundertinkturen, mit denen CDs über Nacht eingerieben werden sollten. Noch nicht war es die Zeit der Tüten mit tiefgefrorener Heilerde, die zur Beruhigung des Klangs auf mitschwingende Verstärkergehäuse gelegt werden sollen. Diese Zeit ist heute, sie gehört den fanatisch wiederbelebten Anhängern des alten Hi-Fi-Gedankens, aber um sie geht es noch nicht.

Einstweilen geht es um die Vergleichgültigung des Musikhörens durch die Gewöhnung an das praktische und anspruchslose Hantieren mit der CD. Im Durchschnittshaushalt war der audiophile Ehrgeiz zusammengebrochen, und dies erst bereitete den Boden für die Musik aus dem Internet. Die Leute besaßen nicht mehr die Anlagen, in denen MP3-Files schlecht klingen konnten, und für solche Anlagen waren diese Audiodateien auch gar nicht gedacht. Ihr Sinn bestand gerade darin, dass sie sich von allen Tonträgern emanzipiert hatten, dass sie frei beweglich waren, aus winzigen Geräten in winzige Ohrhörer flossen und im Übrigen auch – nichts kosteten.

Aber um dem Zusammenbruch des Musikmarktes durch gewohnheitsmäßiges Raubkopieren soll es hier auch nicht gehen. Dieses Phänomen hat nur insofern mit dem Thema zu tun, als es ebenfalls auf der Digitalisierung beruht und zu einer schleichenden Entwertung der Musikproduktion führte. Nicht nur die Musikanlage verlor an Kostbarkeit, sondern die Musik selbst. Zugleich gewann sie aber etwas Neues, Faszinierendes, vielleicht sogar eine alte Wahrheit zurück. Sie gewann auch im alltäglichen Umgang die luftige, körperlose Beschaffenheit, die Philosophen schon immer beschäftigt hatte. Musik, die aus dem Internet kommt, hat keine Substanz – außer jener der abstrakten Information von Datenströmen.

Sie macht vergessen, dass sie aus Notentexten erst mühselig über kratzende Bögen auf hölzernen Saiteninstrumenten verfertigt, durch Mikrofone, Analog-Digital-Wandler und viele weitere Maschinen gejagt werden musste, um schließlich destilliert und als magere Essenz in den elektronischen Äther des Internets geblasen zu werden. Von schwitzenden Musikern, überhaupt von der Körperlichkeit des Musikmachens, vom schweren Atmen, von der motorischen Unruhe eines Orchesters, noch nicht einmal von der Anstrengung der beteiligten Apparate, ihrem Glühen und gierigen Stromsaugen aus der Steckdose ist in den Audiodateien auf einem iPod noch eine Spur. Wer nie erlebt hat, wie Gitarrensaiten Schwielen an den Händen machen oder die Ventile einer Trompete sich mit Spucke füllen, könnte Musik für etwas halten, was aus dem Kopf des Komponisten direkt in den Kopf des Hörers fließt – im Grunde eine unglaubliche Sublimation, eine Vergeistigung durch die Mittel der Technik, die begeistern müsste.

Wenn nicht alles Lug und Trug wäre. Denn es ist nur das MP3-File, das nicht mehr verrät, wie der Flötist schnauft und die Klappen der Oboen schmatzen. Die ursprüngliche CD, aber auch die gute alte Schallplatte, gut abgetastet, verraten das durchaus. Und hat nicht der Plattenspieler, ein rein mechanisches Gebilde mit seinem schweren Gehäuse, dem austarierten Tonarm und der in fliegender Hast durch die Rillen schwingenden Nadel, selbst etwas von einem, wenn auch reproduzierenden, Musikinstrument? Etwas, das arbeitet und spielt? Und der Verstärker, der heiß wird, und die schwer schwingenden Lausprechermembranen in ihren Gummisicken? Und die hölzernen Gehäuse, deren Oberflächen nicht zufällig Musikinstrumenten nachgebildet wurden, der Maserung von Saiteninstrumenten oder dem tiefschwarzen Klavierlack der Konzertflügel?

Diese Erinnerung war die Stunde der audiophilen Regression. Dass sie noch einmal auf den Markt zurückgekommen sind, die schweren Geräte der Vorzeit, die Plattenspieler, Lautsprecherkolosse und Verstärkerboliden, beruht auf dem Wunsch nach einer erneuerten Körperlichkeit der Musik. Ein guter Hegelianer hätte es voraussagen können, dass dort, wo auf der einen Seite Musik immer ätherischer und körperloser wird, auf der anderen Seite auch das Verlangen nach ihrer erdigen Schwere, nach Mühsal, Dichte und Fülle wiederauftaucht. Und tatsächlich sind die Plattenspieler, die heute gebaut werden, schwerer, massiver und kapriziöser zu bedienen, als ihre Urbilder es jemals waren. Die Tonabnehmersysteme sind teure Preziosen, die Tausende Euro kosten können, in Schmuckschatullen dargereicht. Manche leisten sich sogar den symbolischen Reiz eines winzigen, fein gemaserten Holzgehäuses, als wollten sie einer Stradivari nahekommen.