DIE ZEIT:Utz Claassen war gerade vier Jahre Vorstandschef von EnBW, er tritt freiwillig zurück – und doch erhält er Medienberichten zufolge ein Übergangsgeld von jährlich knapp 400.000 Euro, theoretisch bis zum Rentenalter. Ist das Abzocke?

Michael Kramarsch: Übergangsgelder sind ein Relikt aus alten Zeiten, in denen ein Vorstandsposten die Krönung einer Karriere und die Rente deren natürliches Ende darstellte. Für den Fall, dass der Vertrag ohne Schuld des Vorstands vorzeitig beendete wurde, also für die meist kurze Übergangszeit bis zum Eintritt ins Rentenalter, gab es solche Klauseln. Heute sind Vorstände jünger, ihre Karrieren von mehr Brüchen geprägt. In neuen Verträgen haben Übergangsgelder nichts verloren. Stehen sie dennoch drin, ist das ein Sündenfall.

ZEIT: Was Pensionszusagen als Teil der Managerbezüge betrifft, so spricht Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, von einem "blinden Fleck". Zu Recht?

Kramarsch: Selbst Experten können einem Geschäftsbericht nicht entnehmen, wie hoch die Altersversorgung des Managements ausfällt – und die Vergleichbarkeit zwischen den Unternehmen geht gegen null. Die deutschen Transparenzvorschriften sind diesbezüglich völlig unzureichend.

ZEIT: Sollte nicht das Offenlegungsgesetz aus dem Jahr 2005, das börsennotierte Unternehmen zur individualisierten Veröffentlichung der Vorstandsgehälter zwang, genau diese Transparenz schaffen?

Kramarsch: Der Gesetzgeber sah die Altersversorgung nicht als Vergütungsbestandteil an – er irrt.

ZEIT: Wo sollte der Gesetzgeber nachbessern?

Kramarsch: Es bedarf klarer Handlungsanleitungen. Die Veröffentlichungsbestimmungen der US-Börsenaufsicht vom vergangenen Jahr umfassen 405 Seiten. Dort sind viele Sachverhalte exemplarisch beschrieben. Nun brauchen wir sicher keine 405 Seiten, aber das deutsche Gesetz passt, kreativ kopiert, auf eine Seite – das ist zu wenig. Die Konzerne sollten etwa nicht nur die Grundsätze, sondern auch den Wert ihrer Pensionszusagen ausweisen müssen. Die Aktionäre sollten mit einer Zahl über die Rückstellungen informiert werden.

ZEIT: Welche Zahl soll das sein?

Kramarsch: Die jährlichen Aufwendungen. Ein Beispiel: Soll ein Vorstand ab dem 60. Lebensjahr eine Pension von jährlich 500.000 Euro erhalten, muss ein Konzern zum Eintritt ins Rentenalter grob zehn Millionen Euro bereithalten. Für das Unternehmen – und den Aktionär – ist es nun ein dramatischer Unterschied, ob es um einen 55- oder 40-Jährigen geht: Im einen Fall muss der Konzern, vereinfacht gesagt, fünf Jahre lang je zwei Millionen Euro zurückstellen, im anderen Fall 20 Jahre je 500.000 Euro. Das sollte im Geschäftsbericht stehen – nur so sind Pensionszusagen vergleichbar.

ZEIT: Wo hakt es sonst noch?

Kramarsch: Bei Aktienoptionen und anderen aktienbasierten Vergütungselementen. International sind jährliche Aufstellungen Standard, aus denen hervorgeht, welche Bezugsrechte ein Vorstand erworben hat, welche er ausgeübt hat und mit welchem Gewinn. Vor solchen Aufstellungen drückt sich sowohl das Offenlegungsgesetz wie auch der deutsche Kodex für gute Unternehmensführung.