D er Liebesgarten hieß das ebenso schöne wie problematische Buch, in dem Undine Gruenter, das ist noch gar nicht lange her, das war eben erst, versuchte, Bilder und Worte für Liebe und Liebesprojekte zu finden. Ein Mann legt einen regelmäßigen Garten an, klassisch, überschaubar, still; und dort geht herum und sitzt seine junge Frau. Der Mann im Haus schaut ihr oft zu, dann lieben sie sich, dann geht die junge Frau wieder im Garten umher und sammelt sich für die Liebe. Fünf Jahre lang geht das; das sind, wie ich neulich von einer jungen Dichterin gehört habe, die auch Liebesgedichte schreibt, anderthalb Jahre mehr, als die freundlichsten Psychologen solcher Liebe geben. Undine Gruenters Garten ist von einer hohen Mauer umgeben. Man weiß, wie anmutig solche Mauern innen geschmückt sein können mit kleinen Brunnen, Einbuchtungen für amouröse Figuren und so weiter, und wenn dann die Sonne darauf scheint, oder auch wenn sie schöne Schatten wirft, und der Mond und so weiter. Nur irgendwann sind’s dann doch Mauern. Man kann nicht sagen, dass Undine Gruenters Buch traurig ist; aber die Liebe hört eben auf.

Ein schönes Paar auf einem beneidenswert schönen Landgut

Balzac, mehr als anderthalb Jahrhunderte vorher, hat in seinem großen Werk dreimal solche Liebesparadiese oder Liebesverliese erfunden. Einmal, am Ende des Père Goriot, zieht sich die betrogene schöne Beauséant, eine der wunderbarsten Figuren Balzacs, gleich nachdem sie einen großen Ball gegeben hat, noch dieselbe Nacht, auf ein Gut in der Normandie zurück, ein beneidenswert schönes Gut, ganz umschlossen. Ein junger Mann aus Paris, liebenswürdig, sonst weiter nicht bedeutend, hat in der Nähe ein Gut zur Verfügung, auf das er sich aus gesundheitlichen Gründen einige Zeit später, in der nächsten Erzählung, zurückzieht. Er hört von dieser verlassenen Frau ( so heißt Balzacs Erzählung), wird neugierig auf sie, lernt sie kennen, und die beiden verlieben sich ineinander, für neun Jahre des ungetrübten Glücks. Schließlich (aber das ändert nichts daran, welches Glück die neun Jahre waren) drängen seine Eltern den Mann zu einer Heirat, er heiratet, dann erschießt er sich (so bestätigt sich das Glück geradezu).

Das zweite Mal hat Balzac sich in den Memoiren zweier Jungvermählter an dieses Projekt gewagt. Hier ist es eine reiche junge Frau (Geld gehört zu allen diesen wie exterritorialen Liebesgeschichten), die für sich und einen schönen Dichter eine wundervolle Gartenlandschaft mit einem Haus darin baut (vorher hat sie schon einmal, für ein paar glückliche Jahre, einen ähnlichen Versuch mit einem Spanier gemacht, der sie mit Ständchen von Bäumen herab gewonnen hatte), und dort, abgeschieden von der Welt, leben sie ganz für sich und ihre Liebe. Man kann das romantisch und übersteigert nennen, oder man kann annehmen, dass Balzac sich, was weder er noch irgendwer wirklich leben könnte, wenigstens träumerisch schreibend einmal erfüllen will – wichtig ist, dass Balzac, wie Undine Gruenter, solche Sachen einmal für möglich zu halten scheint. Übrigens endet diese Liebe wegen einer ganz unnötigen Eifersucht; aber was heißt schon unnötig.

Ganz ins Extrem geführt hat Balzac das alles dann im ersten Teil von Glanz und Elend der Kurtisanen. Die Kurtisane ist Esther Gobseck, diese elektrisierend ("La Torpille" ist ihr Beiname, der Zitterrochen) schöne junge Frau; der Mann ist der zwar etwas problematische, aber göttlich schöne Lucien, Held schon vorher der Verlorenen Illusionen. Die beiden, die Schönsten (Schönheit und Liebe, das ist ja auch so eine Sache), verlieben sich, verlieren sich ineinander, und der gewaltige Vautrin, der aus Lucien das Werkzeug seines Ehrgeizes machen will, gibt das Geld, und zwar, soweit uns das hier interessiert, dafür, dass die beiden Liebenden dieses Leben führen können: Esther, bewacht von zwei ebenso ihr wie dem teuflischen Vautrin ergebenen halb dämonischen Dienerinnen (die eine kocht so gut, dass daneben die Künste des großen Carême verblassen: also auch das noch), bleibt ständig in einer kleinen, luxuriösen geheimen Wohnung, nur nachts, unangreifbar beschützt, geht sie dann in den schönen mondlichtdurchbrochenen Wäldern um Paris spazieren; und Lucien führt wie alle in der mondänen Gesellschaft nachmittags sein Leben und geht bis ein Uhr nachts aus; und dann, wenn auch sonst jeder sich nur um sich selbst kümmert, fährt er zu Esther, und sie lieben sich, frühstücken dann. Vier Jahre lang leben sie so und werden dieses Lebens, dieser Liebe nicht müde. Dann beenden Pläne Vautrins die Sache, und dann sieht Lucien eine andre, die, freilich nicht für ihn, anstelle Esthers die Wohnung bezieht, und würde sie (dann, zum dritten Mal, dann erst) der schönen Esther womöglich vorziehen; nur kommt es dazu gar nicht mehr.

Neun Jahre, und wer weiß wie viele Jahre in der Gartenlandschaft, und jetzt vier Jahre in einer einzigen Wohnung (sicher, mit Mondscheinwäldern und Koch und allem), und bloß am Rande erwähne ich noch Undine Gruenter mit den fünf Jahren, das war ja nur zur Einführung und um zu sagen, dass nichts davon in Romanen unmöglich geworden zu sein scheint seither – ist es nicht einfach fabelhaft, was die Liebe kann, Nachtgewächs, dessen Sonne so gern auch der Mond ist?