Als Susanne Heinrich zwanzig Jahre alt war, errang sie beim Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt einen Achtungserfolg. Das war vor zwei Jahren. Jetzt sind bereits zwei Bücher von ihr erschienen. Der Markt sei hungrig, heißt es.

Aber was frisst er denn, der Markt? Bücher, auf denen das Etikett »Mit besten Grüßen aus Klagenfurt« klebt? Oder das Etikett »Pop«? Oder welches auch immer?

Wenn man Susanne Heinrichs neues Buch – nach dem Erzählband nun ein Roman – aufmacht und nachsieht, was wirklich drin ist, wird man viel Talent finden und viel Sensibilität und auch viel Unsicherheit; einen durchaus interessanten Ansatz und jede Menge Brüche: erzählerische, stilistische und qualitätsmäßige.

Kurz: Was man vorfindet, ist ein unfertiges Buch. Die Geschichte, die es erzählen will, erinnert in mancherlei Hinsicht an den Großen Gatsby, im Ambiente, in der Melodramatik und auch – spiegelbildlich – in der Konstruktion. Eine Frau erzählt von einer Freundin (mit dem bedeutungsvollen Namen Luna), die, sich jeder Reflexion und jeder Selbstkritik verweigernd, ganz der obsessiven Liebe zu einem reichen Kerl lebt, der das alles gar nicht wert ist. Luna ist die Extremfrau schlechthin: ungeheuer schön, wahnsinnig hysterisch und bezaubernd lebensuntüchtig.

Es wäre leicht, dieses Buch als schlichten Girlie-Roman herunterzuputzen, aber es wäre zu einfach. Denn es hat Qualitäten, sprachliche vor allem, und auch solche der Scharfsichtigkeit und Bildhaftigkeit. Und es will sehr viel mehr. Es will sogar zu viel und zu viel verschiedenes, schwankend zwischen Reflexion und Melodram, zwischen Selbstwerdungstagebuch und prämodern traditionellem Erzählen.

»Ich beschäftigte mich mit Cocteaus Verehrung für Arno Breker«, breitet die Erzählerin zum Beispiel stolz und artig ihre frisch gepflückten Bildungsfrüchte vor den Lesern aus – um sich dann sofort und ohne erkennbaren Zusammenhang wieder in die Dramatisierung ihrer Heldinnengestalt zu stürzen. Und auch damit hakt es immer wieder: wenn es etwa heißt, dass für Luna die Preisgabe eines Geheimnisses »gleichbedeutend mit seiner Zerstörung war und eine masochistische Befriedigung nach sich zog«. Man weiß, was gemeint ist. Man hätte aber doch viel lieber im Lesen den Charakter dieser Figur erfahren, als eine Gebrauchsanweisung für sie geliefert zu bekommen. Denn diese Gebrauchsanweisung wäre doch die Grundlage, auf der die Autorin die Figur erst entwickelt.

Man versteht auch schnell, dass die beiden weiblichen Hauptpersonen für Intellekt versus Gefühl stehen, für Kontrolle versus Trieb, oder wie immer man es nennen will. Aber dabei, bei diesem bloßen Verstehen, bleibt es auch: Die Figuren sind eben nicht entwickelt, sondern bleiben Entwürfe, eine Sammlung literarischer Absichten und Ambitionen – wie der ganze Roman auch. Interessante Formulierungen, eindrucksvolle Tableaus, kleine psychologische Studien, Bildungssplitter: Es ist eher das disparate Dokument einer kreativen Selbstfindung als ein Roman. Für einen solchen hätte es mehr Arbeit gebraucht, mehr Handwerk, mehr von allem. Katharina Döbler