Stellen Sie sich, Herr von Mythenmetz!

Am 24. August erscheint der neue Zamonien-Roman »Der Schrecksenmeister« von Hildegunst von Mythenmetz in der Übersetzung von Walter Moers. Während Moers nie persönlich auftritt, hat sich nun Hildegunst von Mythenmetz erstmals dem Publikum präsentiert. In einem Interview mit der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« hat der zamonische Dichter den Übersetzer Moers auf das Übelste beschimpft. Er wirft ihm geistigen Diebstahl, miserable Übersetzung und willkürliche Kürzungen vor. Walter Moers antwortet:

Drei Vorwürfe hat Hildegunst von Mythenmetz gegen mich erhoben. Erstens: Ich hätte sein Werk Der Schrecksenmeister willkürlich gekürzt. Zweitens: Ich hätte es miserabel übersetzt. Drittens: Ich plünderte seine Bücher für eigene Zwecke. Schwere Vorwürfe, die umso schwerer wiegen, als sie vom größten Dichter Zamoniens stammen.

Erstens: Ich habe nicht willkürlich gekürzt. Dass Hildegunst von Mythenmetz einen Hang zur – vorsichtig formuliert – Ausführlichkeit hat, darf als erwiesen gelten für jemanden, der Romane von zehntausend Seiten schreibt. Er führte sogar ein Stilmittel in die zamonische Literatur ein, welches er selbst nicht ohne Stolz die Mythenmetzsche Abschweifung nannte. Damit unterbricht er willkürlich den Fluss der Erzählung, um sich direkt an den Leser zu wenden. Diese Abschweifungen haben mit der eigentlichen Romanhandlung wenig oder nichts zu tun. Es können nützliche Informationen sein, deren Sinn sich bisweilen erst bei der weiteren Lektüre erschließt, aber auch Ausfälle gegen ungeliebte Kritiker, Auskünfte über sein Befinden oder einfach nur amüsantes Geplauder. Als ich Mythenmetz’ Buch Ensel und Krete übersetzte, hielt ich seine Abschweifungen noch für einen originellen Kunstgriff, und ich übersetzte Wort für Wort.

Als ich mich aber für Der Schrecksenmeister an die Arbeit machte, kamen mir erste Zweifel. Der Roman hat in der Originalfassung über tausend Seiten, was schon insofern befremdet, als es die Neufassung einer schmalen Novelle von Gofid Letterkerl ist, die lediglich siebzig Seiten aufweist. Schon bald keimte in mir der Verdacht, dass Mythenmetz hier sein Stilmittel bis zum Exzess ausreizt. Zu Ensel und Krete hatte ich eine persönliche Beziehung entwickelt wie zu einem geistreichen Freund, dessen Geplauder man gerne zuhört. Beim Schrecksenmeister aber fing ich während der Arbeit an, mit dem Buch zu reden, erst leise, dann immer lauter, bis ich es schließlich anschrie und einmal sogar aus dem Fenster warf. Aus Liebe war Hassliebe geworden. Wie konnte das geschehen?

Es waren vor allem die Abschweifungen, in denen er seiner Obsession für die Kochkunst freien Lauf lässt. Das Buch ist ein kulinarisches Märchen und daher der Gourmandise durchaus verpflichtet. Aber er treibt es zu weit. Das Original ist durchsetzt – beinahe möchte man sagen: vollgestopft – mit Kochrezepten, Kalorientabellen, Diätvorschriften und Garzeiten. Aus zamonischen Quellen ist bekannt, dass Mythenmetz während der Niederschrift des Schrecksenmeisters mehrmals dramatisch sein Gewicht verändert hat. Heute würde man sagen: Er hatte eine Essstörung. Und es fehlte ein mutiger Lektor, der ihm hätte klarmachen können, dass es diese Essstörung war, die Mythenmetz’ Feder lenkte.

Ausgerechnet während einer atemberaubenden Verfolgungsjagd, etwa in der Mitte des Buchs, hebt Mythenmetz völlig unvermittelt ab: »Kalbsbäckchen à la Mythenmetz: Lassen Sie sich vom Metzger fünf Pfund Kalbsbäckchen parieren! Marinieren Sie sie über Nacht in Rotwein (auf keinen Fall bei der Qualität des Rotweins sparen!) und fügen Sie noch ein Bouquet Garni hinzu. Am nächsten Tag die Kalbsbäckchen aus der Marinade nehmen, trockentupfen und auf ein Tuch legen. Pfeffern, salzen und mehlieren Sie das Fleisch, und braten Sie es dann fünf Minuten bei großer Hitze in Butter, bis es goldbraun ist. Gießen Sie nun die Marinade in einen Bräter und erhitzen Sie den Backofen auf…« Und so weiter und so fort, Seite um Seite, einschließlich des achtstündigen Garvorgangs, den er minutiös beschreibt. Zugegeben, das Rezept ist superb – ich habe es nachgekocht, das Fleisch zergeht auf der Zunge –, aber die Erzählung hat doch Vorrang! Mythenmetz konnte sich einfach nicht entschließen, ob er ein Kochbuch oder einen Roman schreiben wollte. An dieser Stelle fiel meine Entscheidung, das Buch um sämtliche Abschweifungen und damit um siebenhundert Seiten zu kürzen. Es war eine Abmagerungskur, die aus einer nahezu unlesbaren Schwarte ein wohlproportioniertes, attraktives Buch gemacht hat. Wenn das ein Verbrechen ist – ja, dann bin ich schuldig. Ich gebe auch gerne zu, die Rezepte nur schweren Herzens entfernt zu haben.

Stellen Sie sich, Herr von Mythenmetz!

Zweitens: Ich habe mitnichten miserabel übersetzt, aber ich werde den Teufel tun und persönlich auf die Qualität meiner Übersetzungen hinweisen. Ich möchte stattdessen entgegnen: Hildegunst von Mythenmetz hat meine Übersetzungen nie gelesen.

Drittens: Ich habe keinen geistigen Diebstahl begangen. Dass Mythenmetz’ Werk vom Orm, jener geheimnisvollen kreativen Kraft, die nur zamonischen Dichtern zuteil wird, regelrecht überschäumt, ist hinlänglich bekannt. Denken wir nur an den Beginn seines wundervollen Märchens Der Wald bei den Mondscheinminen: »Wenn du dich wandernd weit genug wagst, an einem dieser Nachmittage im April, wenn der Rauch abwärts strebt statt hinauf und sich die nahen Dinge weit entfernt anhören und die weit entfernten Dinge nahe klingen – dann bist du wahrscheinlich endlich am verwunschenen Wald zwischen den Mondscheinminen und dem Zentaurenberg angekommen. Du erkennst den Wald schon von weitem am Duft seines Parfüms, den du nie wirklich vergessen, an den du dich aber auch nie wirklich erinnern kannst. Und da wird ein ferner Glockenschall sein, der die Jungen dazu veranlasst, lachend davonzulaufen, und die Mädchen, zitternd stehenzubleiben. Wenn du einen der zehntausend Pilze pflückst, die im smaragdgrünen Gras am Saum der wundervollen Wälder wachsen, dann wird er in deiner Hand so schwer wiegen wie ein Hammer, aber wenn du ihn loslässt, wird er über die Bäume hinwegsegeln wie ein kleiner Schirm, schwarze und purpurne Sterne hinter sich lassend.«

Das ist makellose Prosa – Mythenmetz at his best. Das Problem ist nur: Der Text ist gar nicht von Hildegunst von Mythenmetz. Sondern von Hubert Jamser, der lange vor Mythenmetz wirkte und schrieb. Eine Mythenmetzsche Abschreibung sozusagen, die anscheinend bisher nur mir aufgefallen ist. Bei Jamser hieß das Märchen noch Das weiße Reh, aber ansonsten hat Mythenmetz den Text wortgetreu übernommen. Weil ihm der Zündfunke fehlte? Als Huldigung an Jamser? Wer weiß. Die weitere Erzählung ist dann wieder lupenreiner Mythenmetz. Aber auch wer kleine Äppel klaut, ist ein Dieb – oder? Reicht das wirklich, um ihn zu verurteilen? Welcher Schriftsteller kann reinen Gewissens behaupten, ausschließlich aus sich selbst zu schöpfen? Wer wirft den ersten Stein? Ich bestimmt nicht.

Dennoch: Ausgerechnet Hildegunst von Mythenmetz, der Gofid Letterkerls schmale Novelle zum dicken Roman ausbaut, sich also schamlos eines vorhandenen Fundamentes bedient, macht mir den Vorwurf des geistigen Diebstahls. Die Literaturgeschichte ist nicht arm an solchen Beispielen. Ist nicht letztendlich jede Reiseerzählung eine Odyssee? Ist nicht jedes epische Märchen ein Abklatsch der Nibelungen- oder Artussage? Jede Detektivgeschichte ist Edgar Allan Poe zu verdanken, der das Genre erfand. Und jedes Werk der Science-Fiction schuldet seine Existenz eigentlich Shakespeares Sturm. Sind deshalb alle Autoren von Märchen, von Detektiv- oder Science-Fiction-Romanen Diebe und Plagiatoren?

Herr von Mythenmetz! – Sie sollten die Kirche lieber im Dorf lassen, auch wenn es in Zamonien keine Kirchen gibt! Mir bleibt angesichts einer so schwammigen Anklage nichts anderes übrig, als meinen Gegenvorwurf zu wiederholen: dass Sie weder meine Übersetzungen noch meine Romane gelesen haben. Ich fordere Sie hiermit auf: Lesen Sie meine Bücher – dann werden Sie erkennen, dass es sich dabei um wortgetreue Übersetzungen, liebevolle Bearbeitungen und ehrfürchtige Hommagen handelt. Und nicht, wie Sie sagen, um die »Beutekunst eines Leichenfledderers«. Lassen Sie uns diesen Strauß ausfechten, auf altmodische Weise und vor aller Augen, wie Männer – beziehungsweise Lindwürmer – von Ehre. Statt uns die Dolche in den Rücken zu jubeln, wie Kritiker es zu tun pflegen. Ich stehe für jedes Wortduell, für jede Zungenschlägerei zur Verfügung. Stellen Sie sich, Herr von Mythenmetz!