Sie sei überglücklich, sagt sie. Weil sie für ein Jahr an der Eliteuniversität Harvard im amerikanischen Cambridge studieren wird. Danach aber wolle sie "auf jeden Fall" zurückkehren, ergänzt sie schnell.

Stela Mocan stammt aus Moldau. Dass jemand, der einmal fort war, "auf jeden Fall" zurückkommen will, ist ziemlich untypisch. Eigentlich ist es überhaupt nicht nachvollziehbar.

Die 31-Jährige stammt aus dem ärmsten Land Europas. Halb so groß wie Bayern, mit gerade mal vier Millionen Einwohnern, liegt es weit im Südosten des Kontinents. Auf der einen Seite grenzt es an die Ukraine, auf der anderen an Rumänien. Damit ist Moldau ein Nachbar der Europäischen Union. Trotzdem ist das Nachbarland vielen praktisch unbekannt, in Deutschland etwa wird es fälschlicherweise oft Moldawien genannt. Dabei heißt das Land schon Republik Moldau, seit es 1991 von der Sowjetunion unabhängig wurde.

Die einzige Industrie des Landes ist Stahl. Und faktisch liegt sie nach wie vor in den Händen der Russen. Moldau selbst hat nicht viel zu bieten außer ein bisschen Landwirtschaft und recht guten Wein. Die größten Einnahmequellen der Moldauer sind die Überweisungen der ins Ausland geflüchteten Verwandten. Jeder Zehnte ist schon weg. 700 Millionen Euro schicken sie pro Jahr in die Heimat, allein diese offiziell erfassten Überweisungen machen ein Drittel der moldauischen Wirtschaftskraft aus.

Die Lage im Land sei "dramatisch", urteilt die Europäische Kommission. 1989 noch gehörte Moldau zu einer der wohlhabendsten Republiken der Sowjetunion. Im Vergleich zu damals ist die Wirtschaftskraft inzwischen kaum mehr als halb so groß.

Das Land ist hoffnungslos zerrissen zwischen dem noch immer mächtigen Russland auf der einen und Europa auf der anderen Seite. Die Menschen fliehen in beiden Richtungen. Und doch gibt es eine junge Elite, die ihr Land nicht aufgibt und selbstbewusst für westliche Standards kämpft.

Stela Mocan gehört dazu. Kurz vor ihrer Abreise nach Cambridge trifft sie sich mit einigen Freundinnen im Grill House in der Hauptstadt Chişinău. Das Restaurant ist für moldauische Verhältnisse ziemlich teuer, der Salat kostet umgerechnet vier Euro. Das können sich nur wenige Moldauer leisten. Draußen sind es knapp 40 Grad im Schatten, drinnen ist es furchtbar kalt. Eine Klimaanlage zu besitzen gehört zum Status.

Stelas Freundinnen arbeiten allesamt bei den zahlreichen internationalen Organisationen in der Stadt: Irina arbeitet bei der britischen Botschaft, Maia bei der BBC, Liliana bei der Eurasia-Stiftung, Corina für das unabhängige Journalistenzentrum und Stela beim International Republican Institute (IRI). Das von der republikanischen Partei der Vereinigten Staaten finanzierte Institut hat sich die weltweite Förderung der Demokratie zum Ziel gemacht.

Die jungen Frauen gehören zur Elite ihres Landes. Sie sprechen über die Chancenlosigkeit, die verlassenen Kinder und Jugendlichen, deren Eltern nur im Ausland Arbeit finden konnten. Sie schimpfen über Korruption, die mangelnde Pressefreiheit und eine Regierung, die sich zunehmend den Russen zuwendet. Aber sie schimpfen auch auf die Europäische Union, die dem Land zwar etwas Geld bringt, aber keine Hoffnung.

Während die Bewohner im Rest des Landes im Durchschnitt 95 Euro im Monat verdienen, schaffen es Stela und ihre Freundinnen mindestens auf das Sechsfache. Und wie jeder, der irgendwie kann, unterstützen auch sie mit ihrem Geld ihre Familien.

Jeden Monat zahlt Stela ihren Eltern umgerechnet 80 Euro für Strom und Medikamente. Das ist das einzige Geld, das sie für den Alltag benötigen. Das Haus in dem Dorf Taraclia, 120 Kilometer südöstlich von Chişinău, hatten sie schon zu Sowjetzeiten bekommen – die Miete fällt also weg. Die Eltern leben vom Gemüseanbau und dem Tauschgeschäft mit den Nachbarn. Im Dorf wohnen noch 5.000 Menschen. Als Stela klein war, waren es 7000. "Den Unterschied machen jene aus, die jetzt im Ausland arbeiten", sagt sie. 3.000 Euro kostet ein gefälschtes Visum, die meisten gehen nach Russland, Rumänien oder Italien.