So ganz spontan, unter rein ästhetischen Gesichtspunkten, möchte man gen Moskau rufen: Wladimir, tu’s nicht wieder! Ein eingezogener Bauch macht noch kein Waschbrett, der Türsteherblick dürfte nicht mal die Forellen beeindruckt haben, und ein wenig Bräunungscreme wäre bei diesem Teint von Vorteil gewesen.

Nun war Wladimir Putins jüngste Einlage als halb nackter Angler weder ein Coup der Paparazzi noch ein Schnappschuss fürs Familienalbum, sondern sorgfältig inszenierte Propaganda. Den PR-Strategen des Kremls geht es offensichtlich um etwas anderes als das Urlaubsbedürfnis ihres Präsidenten. Es geht um politische Symbolik, und in Zeiten, da Politik zunehmend zur Performance gerät, müssen sich auch Präsidenten entblößen – im wörtlichen wie übertragenen Sinn.

Was also möchte der russische Staats- und Regierungschef seinem Volk und dem Rest der Welt mit gewölbtem Brustkorb mitteilen – außer, "dass er in beachtlicher physischer Form ist", wie das Boulevardblatt Komsomolskaja prawda andächtig schrieb? Ganz einfach: "Seht her, Mütterchen Russland wird wieder von einem ganzen Kerl regiert. Die Zeiten sind vorbei, da sich unsere wodkabenebelten Führer Lektionen in Demokratie und Kapitalismus anhörten, die Nato in unserem Vorgarten aufmarschieren oder internationale Konzerne in unseren Ölfeldern herumbohren ließen. Seht her, ich habe nicht nur eine lange Angel, auch meine Langstreckenbomber sind wieder unterwegs. Wer hat da behauptet, Amerika sei die einzige Supermacht?"

Die Wahrnehmung von Maskulinität, hat die amerikanische Politologin Cynthia Enloe schon vor Jahren geschrieben, spiele in der Politik eine ebenso wichtige Rolle wie Rohstoffe, Waffenhandel oder Wirtschaftskrisen. Das Brisante an dieser Aussage ist weniger ihre Erkenntnis als das Tabu, mit dem sie immer noch belegt ist. Natürlich lädt Putins Muskelshow zu Spott und Häme ein, aber die Sache ist doch etwas ernster.

Die Inszenierung als Neomacho ist ja keine Erfindung des Kremls. Dessen PR-Strategen haben sich bei den Konkurrenten in Washington einiges abgeschaut. The body is the message – dieses Motto hat das Weiße Haus noch nie so eindringlich verfolgt wie in der Ära des George W. Bush. Zwar ist in der konservativen Variante der amerikanischen Ikonografie der entblößte Oberkörper ein Tabu. Aber unvergessen ist Bushs Auftritt in der Uniform eines Bomberpiloten auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln , wo er im Mai 2003 etwas voreilig das Ende der Kampfhandlungen im Irak verkündete. Die Fallschirmgurte über dem Pilotenoverall betonten dabei die Wölbung zwischen den präsidialen Beinen, was jeder sah, aber fast niemand zu kommentieren wagte. Eine Ausnahme bildete Richard Goldstein, Kolumnist der New Yorker Village Voice , der damals respektlos spekulierte, dass man dem Präsidenten und Oberbefehlshaber womöglich "noch was reingestopft" habe, damit auch die Begriffsstutzigsten die Nachricht verstehen würden: He showed some balls! Er hat seine Eier gezeigt! Was im übertragenen Sinn heißt: Das ist ein echter Kerl.

Nun gehört Männlichkeitsgebaren zum Alltagsgeschäft für amerikanische Präsidenten (und Präsidentinnen, sollte der Fall demnächst eintreten). Doch noch nie hatte es ein Amtsinhaber für nötig befunden, sein Gemächt für die Kameras herauszustellen. "Wer so deutlich auf seine Eier zeigen muss", schrieb Goldstein, "hat womöglich Angst, sie könnten verschwinden." Und das sei nicht nur Bushs Problem, der schon in Texas immer als all hat and no beef (sinngemäß: riesiger Hut und nichts darunter) verspottet worden war. "Wenn Machismo dieser Tage so tragikomisch extrem erscheint, dann", so Goldstein, "weil viele Männer glauben, dass ihre Maskulinität sich auflösen könnte." Womit man wieder bei Wladimir Putin wäre.