Silvana Fucito sagt, an jenem Tag habe sich ihr Leben geändert. Alles sei zerschnitten worden in ein Davor und ein Danach. Jener Tag war nicht ihr Hochzeitstag und auch nicht der Geburtstag einer ihrer drei Töchter. Der 19. September 2002 war der Tag, an dem Silvana Fucitos Verkaufsstelle für Farben und Lacke in San Giovanni a Teduccio an der östlichen Peripherie Neapels lichterloh brannte. Abgefackelt von der Mafiaorganisation Camorra zur »Strafe« dafür, dass Silvana Fucito das von ihr verlangte »Schutzgeld« nicht zahlen wollte.

Das Geschäft befand sich im Erdgeschoss eines siebenstöckigen Wohnhauses. Zwanzig Familien mussten evakuiert werden. »Viele Jahre Arbeit verbrannten in jener Nacht«, sagt Silvana Fucito. Alles das, was sie sich gemeinsam mit ihrem Mann Gennaro aufgebaut hatte. Vier Millionen Euro Schaden. »Wir waren ja nicht einmal versichert. Finden Sie mal in Neapel eine Versicherung, die Sie vor Brandanschlägen schützt. Unbezahlbar.«

Wenn sie in den Tagen zuvor nicht darauf bestanden hätte, die Kanister mit den Lösungsmitteln auszulagern, wäre wohl noch mehr geschehen. Aber sie wusste, dass etwas in der Luft lag, seitdem Gennaro von Gefolgsleuten eines Clans namens Aprea in einen Wagen gezerrt und stundenlang festgehalten wurde – und seit die Abgesandten der Paten im Laden ihre Pistole gezeigt hatten. Silvana Fucito versuchte mit diesen Männern zu reden. Ihnen zu erklären, dass sie unmöglich ihre Forderungen erfüllen könnte. Sie wurde ausgelacht. Eine klein gewachsene, rundliche Signora, die mit den Bossen verhandeln will? Lächerlich. Eine Mamma, die sich gegen die Camorra stemmt? Undenkbar.

»Wenn du Schwäche zeigst, kommst du in einen Teufelskreis«

»Am Anfang hatten sie von uns nur ein paar Farbeimer gratis verlangt«, erinnert sich Fucito. »Die haben wir ihnen natürlich gegeben. Man will ja keinen Ärger. Dann schickten sie ihre Frauen, die Spenden für Häftlinge sammelten. Auch das haben wir noch mitgemacht. Aber dann kamen die Schecks über 6000 Euro, die wir einlösen sollten. Wir wussten, dass diese Schecks nicht gedeckt waren. Wir haben nicht gezahlt. Von da an wurden ihre Forderungen immer dreister.«

Zum Schluss verlangte Aprea 100.000 Euro. »Sie testen das Terrain«, sagt Fucito. »Sie schauen, wie weit sie gehen können und wie weit du nachgibst. Wie stark du dir Angst einjagen lässt. Wenn du Schwäche zeigst, kommst du in einen Teufelskreis. Ich hatte aber keine Angst. Wenn die merken, dass du keine Angst hast, werden sie ganz klein.« Am Tag nach dem Anschlag zeigte Silvana Fucito die Brandstifter und deren Komplizen an, 15 Männer insgesamt. Unerhört für San Giovanni a Teduccio, das hatte sich dort noch keiner getraut.

In Neapel zahlen laut Schätzungen von Handelsverband und Polizei rund 80 Prozent der Unternehmer und Geschäftsleute Schutzgeld. »Wir könnten auch sagen: fast alle«, erklärt Fucito. Sie wollte nicht klein beigeben. »Das Maß war voll. Vorher hatte ich zwar nicht die Polizei um Hilfe gebeten. Wir Neapolitaner sind misstrauisch. Hätten die mir geholfen, oder steckten sie mit der Camorra unter einer Decke? Das habe ich mich damals tatsächlich gefragt.«

Der Prozess gegen ihre Erpresser hat Silvana Fucitos Vertrauen in die Justiz bestärkt. Das Verfahren dauerte vier Jahre, alle 15 Angeklagten wurden am Schluss zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Es war eine Art Fanal im Kampf gegen die Schutzgelderpressung.

Als das Urteil gesprochen wurde, hatte Silvana Fucito schon eine Leibwache. Vier Polizisten bewachen sie nun Tag und Nacht. Fünf Jahre nach dem Anschlag, der ihr Leben veränderte, ist die mütterlich wirkende 57-Jährige eine Ikone. Eine Mutter Courage im Kampf gegen die Camorra. Die US-amerikanische Zeitschrift Time ernannte sie zur »Europäischen Heldin des Jahres«. Der italienische Staatssender RAI dreht einen Fernsehfilm über ihre Geschichte, der im Winter ausgestrahlt werden soll. Staatspräsident Giorgio Napolitano, Neapolitaner wie sie, zeichnete sie als »Ritterin der Arbeit« aus, der Titel ist das Gegenstück zum Bundesverdienstkreuz.

Den Orden hat Silvana Fucito wohlgemerkt nicht für ihre Verdienste im Großhandel für Industrielacke bekommen, sondern für ihren Einsatz im Kampf gegen den Schutzgeldterror. Es blieb nämlich nicht bei der Anzeige. Die Geschäftsfrau stürzte sich in ein neues Unternehmen: Sie gründete eine Kaufleutevereinigung gegen Schutzgeldzahlungen.

»Die meisten sagen: Wir zahlen nicht. Sie schämen sich«

Zum Gesprächstermin ist sie in einem beige Leinenanzug erschienen. Die Füße in den hohen Sandaletten sind tadellos pedikürt, die blond gesträhnten Haare perfekt frisiert, im großzügigen Dekolleté steckt lässig eine teure Sonnenbrille. Eine süditalienische Signora, zurechtgemacht wie für die Teestunde. In einer Ecke des Raums sitzt ihr Leibwächter Salvatore. Er trägt ein pinkfarbenes Hemd zum Nadelstreifenanzug und dezent gegelte Haare. Nicht gerade ein typisches Bodyguard-Outfit. Salvatore macht ihr Komplimente, auch die nicht sehr typisch. »Vor nichts hat sie Angst«, sagt er. »Nichts hält sie auf. Manchmal sind ihre Termine so riskant, dass wir Verstärkung bei der ortsansässigen Polizei anfordern müssen.« Sie arbeitet eng mit Tano Grasso zusammen, dem Sohn eines sizilianischen Unternehmers, der von der Mafia ermordet wurde, weil er sich weigerte, Schutzgeld zu zahlen.

In Neapel geht Silvana Fucito quasi von Haus zu Haus. Sie besucht Kaufleute und Unternehmer, das ist Teil ihres Kreuzzugs gegen das Schutzgeld. Sie will ihre Kollegen überzeugen, sich zu wehren. »Meistens bekomme ich zu hören: Wir zahlen nicht«, erzählt sie. Wer Schutzgeld zahlt, schämt sich dafür. »Und er schweigt. Er nimmt es hin, dass die Camorristi einmal im Monat in seinem Laden einen Großeinkauf für 2.000 Euro machen, ohne zu bezahlen. Oder dass er gezwungen wird, die Schützlinge der Paten einzustellen.«

Die neapolitanische Mafia macht globale Geschäfte, zu Hause sichert sie sich ihre Macht durch Angst und Schrecken. Keine der international operierenden Banden will auf das Schutzgeld verzichten. Es geht weniger um den Ertrag, der etwa im Vergleich zu den Umsätzen aus dem Drogengeschäft lächerlich ist: Was sind 100.000 Euro gegen die Millionen, die täglich allein beim Kokainhandel herausspringen?

Aber Schutzgeld bedeutet, eine Steuer zu erheben, wie sie eigentlich dem Staat zustehen würde. Tatsächlich ist die Steuermoral in Neapel aus ersichtlichen Gründen gering: Wer von der Camorra geschröpft wird, sieht nicht ein, warum er auch noch an einen Staat zahlen soll, der ihn nicht schützt. Das Gewaltmonopol des Staates geht auf die Mafia über – und die Mafia kennt keine Bürger, nur Untertanen.

Anfangs trafen sich Silvana Fucito und eine Handvoll Gleichgesinnte in der Kirche, dem einzigen Ort, an dem sie sich sicher fühlten. Sie waren zu sechst, heute sind sie 60. Insgesamt sind im Großraum Neapel etwa 500 Geschäftsleute in verschiedenen Vereinigungen gegen die Erpressung organisiert, ein verschwindend kleiner Teil.

Die Aufnahmebedingungen sind aber auch streng. Wer sich Silvana Fucito anschließen will, wird genauestens durchleuchtet. Allzu groß ist die Gefahr, dass sich Strohmänner der Camorra einschmuggeln. Fucito und ihre Leute begleiten die Mitglieder zu den Prozessen gegen die Erpresser. Das sei besonders wichtig, sagt Silvana Fucito, »weil die Camorra früher vor Gericht darauf setzte, dass die Geschädigten allein waren. Die Verbrecher boten ihre Familien und Gefolgsleute auf, die die Geschädigten bedrohten und beschimpften. Heute kommen wir mit 15, 20 Leuten, und die Camorristi sind endlich still. Da kann auch das Gericht freier entscheiden!«

Die Organisation schickt außerdem betroffenen Unternehmern am vereinbarten Tag der Schutzgeldzahlung die Polizei ins Haus. Die nimmt dann alle fest – den Kaufmann und die Boten. »Damit nicht der Eindruck entsteht, das Opfer habe die Camorristi verpfiffen.«

»Was wir hier machen, ist eine bürgerliche Revolution«

Besonders rücksichtslos ist der Schutzgeldterror auf den Baustellen. »Da erscheinen die Abgesandten der Paten spätestens am dritten Tag nach Arbeitsbeginn und stellen ihre Forderungen.« Der Anti-Erpressungs-Verband schickt in der ersten Arbeitswoche keine echten Maurer auf die Baustelle, sondern sorgt dafür, dass dort Polizisten in Zivil arbeiten. »Fantasie haben wir als Neapolitaner genug! Wir müssen sie nur einsetzen«, sagt Silvana Fucito. Längst ist ihre Erfahrung auch im Ausland gefragt. Vor ein paar Wochen war sie in Serbien, bald geht es nach Irland. »Man muss ja nicht denken, dass es Schutzgelderpressung nur bei uns gäbe.«

Hat sie immer gedacht, sie sei stärker als der Gegner? »Immer. Drei Tage nach dem Anschlag gab es bei uns einen Familienrat. Wir müssen weitermachen, habe ich gesagt. Schließlich haben wir zehn Angestellte. Dann müssen wir eben unser Haus am Meer verkaufen, unser Boot und unser großes Auto.« Ihr Mann habe wie haltlos geweint. Sie nicht.

»Es ist doch so: Wo sich die Kaufleute organisieren, verschwindet die Camorra.« Die Resultate ihrer Arbeit sind sichtbar. Im Jahr 2002 gab es in ganz Neapel gerade einmal acht Anzeigen wegen Schutzgelderpressung, 2006 waren es 900 – immer noch ein Bruchteil der Erpressungsfälle, aber ein gigantischer Fortschritt. In manchen Vierteln, so Fucito, wagten die Bosse gar nicht mehr, überhaupt Schutzgeld zu verlangen. Etwa in San Giovanni.

Die Clans sind dort zwar immer noch präsent – erst vor wenigen Wochen wurde ein »abtrünniger« Camorrista erschossen, am helllichten Tag und auf offener Straße. Aber Fucito ist überzeugt davon, dass die Camorra schwächer wird, wenn die Bürger Stärke zeigen. Darin allein liege der Schlüssel zum Erfolg gegen die Mafia. »Kein Staat der Welt kann uns helfen, wenn wir uns selbst nicht trauen.« Sie fühle sich, sagt Silvana Fucito und nestelt nachdenklich an einem der vier großen Ringe an ihren Fingern, wie eine Revolutionärin. »Denn was wir machen, ist eine bürgerliche Revolution.«