Auf dem Weg zu den Schlachtfeldern von Jena und Auerstedt kommt ihm Heinrich Heine in den Sinn, das Gedicht von den zwei Grenadieren, die ihrem Kaiser auch nach der Niederlage vor Moskau die Treue halten: etwas skeptischer der eine, in völliger Hingabe der andere. Der Vater hatte ihm die Romanze vorlesen müssen, wieder und wieder, zu Hause in Breslau, vor langer Zeit. Einige Strophen weiß er noch heute; am Napoleonstein bei Cospeda, im 201. Jahr nach Bonapartes Sieg über die Preußen und dem Ende des Alten Reiches, ist die Erinnerung an unbeschwerte Kindheitstage zurück. Wir halten kurz Rast.

Wer das Vergnügen hat, mit Fritz Stern unterwegs zu sein, wer ihn im Gespräch mit Studenten erlebt und in der Diskussion mit Kollegen, der spürt sehr schnell, wie gegenwärtig dieser Mann mit der Vergangenheit lebt. Bismarck natürlich, Rathenau und Stresemann, Hindenburg und Hitler, Adenauer und Brandt, Ulbricht und Honecker; zuletzt, gewiss, auch der neue "Kanzler der Einheit" und seine Nachfolger – fünf Deutschland sind es, die Stern kannte und die er persönlich erfahren hat. Über das sechste, das Kaiserreich, hat er seine berühmtesten Bücher geschrieben: Kulturpessimismus als politische Gefahr, 1961 im amerikanischen Original und zwei Jahre später auf Deutsch veröffentlicht, seitdem immer wieder aufgelegt, und dann, vor nun exakt drei Jahrzehnten, die wunderbare Doppelbiografie Gold und Eisen. Bismarck und sein Bankier Bleichröder.

Im vergangenen Sommer, nur wenige Monate nach seinem 80. Geburtstag, sind die lang erwarteten Erinnerungen des Historikers Fritz Stern erschienen; zuerst in New York, wo er seit 1938 lebt. Jetzt liegt der umfangreiche Band auch in seiner Muttersprache vor. Ein großartiges Werk, lehrreich, klug und menschlich tief berührend.

Hitler war nicht unvermeidlich – das zu zeigen ist ihm wichtig

Das erste Kapitel, gewidmet dem Deutschland meiner Vorfahren, setzt ganz klassisch historiografisch an, und es schöpft aus einem einzigartigen Schatz: Die Geschichte der Briegers und der Sterns, zweier schlesisch-jüdischer Medizinerdynastien, erzählt der Autor anhand von Tausenden von Briefen, die seine Eltern nicht zurücklassen mochten, als sie mit den beiden Kindern in die Vereinigten Staaten emigrierten. Sechs Jahrzehnte später öffnete Fritz Stern die Bündel, und entgegen tritt uns das stadtbürgerliche Breslau der Bildung und der Wissenschaft, der Respektspersonen in Weiß: die vier Urgroßväter, beide Großväter und der Vater – allesamt waren sie Ärzte und seit Generationen miteinander bekannt.

Der Arztkittel war, wie Stern bemerkt, im kaiserlichen Deutschland "die einzige würdevolle Uniform, die Juden anstreben und in der sie eine gewisse Autorität und dankbare Anerkennung erfahren konnten". Damit ist das Thema angeschlagen, das nicht nur die Familiengeschichte der Sterns von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis weit in die Weimarer Republik hinein wie ein roter Faden durchzieht: Worin bestanden die Möglichkeiten jüdischer Assimilation in Deutschland? Was durfte man als getaufter Jude erwarten? Welche gesellschaftlichen Barrieren ließen sich beseitigen, welche blieben bestehen oder wurden gar stärker? Mit seltenem Sinn für das eindrückliche Detail vermag Fritz Stern zu zeigen, wie sehr sich der auf Leistung, Bildung und Patriotismus gegründete Bürgersinn des assimilierten deutschen Judentums am Kulturprotestantismus orientierte – und wie tragisch lange viele sich in dieser Liebe aufgehoben glaubten.