Sie wissen ja gar nicht, was hier los ist«, sagt Thomas W. Gaehtgens am Telefon. »Wie eine Bombe hat das eingeschlagen.« Die deutschen Zeitungen sprechen von einer Sensation, und die amerikanischen wollen wissen, wer der deutsche Kunsthistoriker ist, der da an die Spitze des weltweit größten Instituts für Kunstgeschichte berufen wurde. Schon erklärt die New York Times ihren Lesern, wie der Name des neuen Direktors des Getty Research Institute in Los Angeles auszusprechen ist: »GATE-gens«.

Trotz des Wirbels nimmt er sich dann doch Zeit, lädt aber nicht in die Berliner Gemäldegalerie ein oder auf die Museumsinsel, sondern in die Luise, eine Mischung aus Kaffeehaus, Biergarten und Destille gleich neben der Freien Universität. Gaehtgens empfängt mit der ihm typischen Liebenswürdigkeit. Nur die verrutschte Krawatte kündet davon, dass es ein bisschen hektisch zugeht derzeit. »Ein unglaubliches Institut«, schwärmt der Kunsthistoriker von seinem künftigen Arbeitsplatz. Er kennt das Getty Research Institute gut, ein Jahr lang war er dort Scholar. »Ich fühlte mich wie im Paradies.« Das Institut ist neben dem Museum, dem Conservation Institute und der Foundation Teil des J. Paul Getty Trust, der mit rund sechs Milliarden Dollar Stiftungsvermögen die reichste Kunstinstitution der Welt sein dürfte. Wie eine Akropolis thront das Getty Center leuchtend weiß über Los Angeles. »Sie haben eine fantastische Bibliothek«, sagt Gaehtgens, »und kaufen ganze Sammlungen und Nachlässe auf.« Mit der Bibliography of Art wird dort an der wichtigsten Bibliografie der Kunstgeschichte gearbeitet, und der Provenance Index verfolgt die Erwerbungsgeschichte von Kunstwerken durch Zeit und Raum. »Und das Scholar-Programm!« Zwanzig Wissenschaftler aus der ganzen Welt werden für ein Jahr eingeladen, um, unbelastet von anderen Arbeiten, nur zu forschen. Eine solche Institution zu leiten, dazu gehört schon eine gestandene Persönlichkeit. »Sie haben sich ja auch keinen ganz jungen Mann geholt«, sagt der künftige Direktor und lacht.

Gaehtgens ist 67 Jahre alt. Im vergangenen Jahr wurde er als Professor der FU Berlin emeritiert. Die Festredner bei seiner Verabschiedung hatten viel zu tun, all seine Verdienste zu würdigen: Er ist einer der besten Kenner der französischen Kunst und gestaltete bemerkenswerte Ausstellungen (etwa über amerikanische Malerei). Er war Präsident des Comité International d’Histoire de l’Art und organisierte den Weltkongress der Kunsthistoriker. Das renommierte Londoner Courtauld Institute of Art ernannte ihn zum Ehrendoktor. Er war Professor am Collège de France und ist Ritter der französischen Ehrenlegion. Vor allem aber gründete er das Deutsche Forum für Kunstgeschichte in Paris. Kein Wunder, dass die Berliner Zeitung ihn »Deutschlands umtriebigsten Kunsthistoriker« nannte.

»Umtriebig?« Gaehtgens richtet sich auf. Das Wort gefällt ihm nicht. »Ich wollte in Paris ein Institut gründen, weil ich es ungerecht fand, dass es zwei deutsche Kunstgeschichtsinstitute in Italien gab, aber keins in Frankreich.« Zur Eröffnung führte er Bundeskanzler Schröder durch die Räume am Place des Victoires.

Nach dem Skandal um den Ankauf gestohlener Antiken aus Italien und Griechenland braucht das Getty Center jetzt Leute mit einwandfreiem Ruf. »Mit der Sache hatte das Research Institute nichts zu tun«, sagt Gaehtgens. Und der neue Direktor habe sich gleich für die Rückgabe entschieden. »Mit Jim Wood steht erstmals ein Kunsthistoriker an der Spitze des Getty Trust und kein Businessmann.«

In seiner Berufung an die Spitze des Instituts sieht Gaehtgens weniger eine Wertschätzung der deutschen Kunstgeschichte als pragmatische Überlegungen. »Die holen sich den, zu dem sie das größte Zutrauen haben, jemanden, der Programme entwickeln und umsetzen kann und über internationale Erfahrungen verfügt.« Tatsächlich gilt der Spross einer Ärztefamilie (sein Bruder Peter war Präsident der FU), der erst von einer Karriere als Cellist träumte, nicht gerade als ein Vertreter der kunsthistorischen Avantgarde. Deren Bestreben ist es, das Fach zu einer allgemeinen Bildwissenschaft auszuweiten, die bis in die bunte Welt der Medien reicht. Doch Gaehtgens steht aufseiten der Tradition: »Ich will keine Kunstgeschichte ohne Kunstwerke betreiben.« Allerdings hat er keineswegs nur die schönen Künste im Sinn. Das Zusammenspiel von Politik und Kunst fesselt ihn ebenso wie das prekäre Fundament aller Kunst: das Geld.

In Zeiten, in denen die staatlichen Mittel knapper wurden, besann er sich auf andere Geldgeber und ließ die Kultur der Mäzene erforschen, die den Berliner Museen mit ihren Geschenken zur Weltgeltung verhalfen. Für einen Geisteswissenschaftler eher ungewöhnlich, setzte er zugleich selbst alles daran, neue Gönner zu gewinnen. »In Deutschland gibt es viele Vermögen, die sich zu wenig für humanitäre Dinge einsetzen«, sagt er. »Reichtum verpflichtet aber.« Es ginge ihm jedoch nicht bloß ums Geld, er wolle die Menschen ganz für die Kunst gewinnen.

Was geschehen kann, wenn das gelingt, schildert er am Beispiel John Paul Gettys (1892 bis 1976): Der Öltycoon häufte nicht nur eine exorbitante Kunstsammlung an, er tauchte völlig ein in die Welt der Bilder. »Kaufte Getty ein Gemälde von Frans Hals, reiste er nach Holland und durchwühlte die Archive, um alles über ihn herauszufinden.« Auch wenn die Methoden, mit denen Getty sein Vermögen machte, nicht die feinsten waren: »Heute ist das Getty Center ein humanitäres Weltunternehmen«, sagt Gaehtgens. »Es fördert die Restaurierung der Tempel in Angkor wie die der Maya-Tempel.«

Wenn man ihm zuhört und erlebt, wie er seine Erzählungen gestaltet – eloquent und lebhaft gestikulierend –, kann man gut nachvollziehen, dass Gaehtgens die Leute für ein Projekt begeistern kann. Kaum jemand ist so gut vernetzt wie er. Immer wieder fand er Mäzene. Sein Meisterstück ist das Deutsche Forum in Paris: »Am Anfang waren mehr als 50 Prozent private Gelder.« Natürlich hat er als beamteter Hochschullehrer auch sehr vom Staat profitiert – doch ebenso mit der Bürokratie gekämpft und am Antragsdschungel gelitten. Da wollte er mit dem privaten Geld vor allem eines: mehr Freiheit gewinnen.

Die Zeit drängt, und der Professor muss noch fotografiert werden. Als Hintergrund für die Inszenierung der eigenen Persönlichkeit schlägt er die Ethnologischen Museen vor. »Das passt: Wie unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen, hat mich immer interessiert.« Lange erforschte er die delikaten deutsch-französischen Kunstbeziehungen. Und nun wird er im Moloch Los Angeles an einem idealen Ort leben, um herauszufinden, was die Globalisierung mit der Kunst macht.

»Der internationale Kulturtransfer findet schon viel länger statt, als uns bewusst ist«, sagt er und zeigt auf eine Vitrine der Afrika-Abteilung. Da steht eine Skulptur des deutschen Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner, die von afrikanischer Kunst inspiriert ist, neben einem heiligen Antonius, den vor Jahrhunderten ein Künstler aus dem Kongo schnitzte. Gaehtgens strahlt: »Ist das nicht fantastisch? Ein europäischer Künstler produziert afrikanische Kunst, und ein afrikanischer macht europäische.«

Er gehe nicht mit einem fertigen Konzept ans Getty Institute, sagt er. Das sei eine etablierte Institution mit über 200 Mitarbeitern. »Da bin ich ja der neue Mann, der sich in alles hineinfinden muss – Bammel hab ich schon.« Und überhaupt: Er sei eigentlich nicht der Mann für die große Öffentlichkeit, meint er zum Abschied. »Im Grunde bin ich schüchtern.« Aber das glaubt ihm wohl nicht einmal seine Frau.