Mythos im Müll – Seite 1

Der Jeep rumpelt über weitläufige Schotterstraßen. 58 Hektar Brachland im Nordosten Wiens beansprucht die größte Mülldeponie Österreichs. 14 Millionen Kubikmeter Abfall aus der Großstadt finden dort Platz. Karl Reiselhuber, Mitarbeiter der Deponie Rautenweg im 22.Gemeindebezirk, führt die Besucher durch sein Reich. Alle paar hundert Meter stoppt er das Fahrzeug, um zu zeigen, wie der Betrieb hier funktioniert: wohin der Sperrmüll kommt, wohin das Altholz, wo der Straßenrollsplit des vergangenen Winters gewaschen wird und wie man Restmüll in Plastikballen verpackt, bevor er in die Müllverbrennungsanlage abtransportiert wird. Über eine kurvenreiche Straße schlängelt sich der Jeep auf einen kleinen Hügel. Wie selbstverständlich sagt Reiselhuber: »Und jetzt fahren wir zur Reichsbrücke.« Er stockt kurz und korrigiert sich: »Also, zu den Resten davon.«

Die Reste des 1967 eingestürzten Monuments bilden ein gigantisches Trümmerfeld: zwei große Haufen, die ein halbes Fußballfeld bedecken könnten. Wer auf eine der beiden kahlen Halden klettert, kann den gesamten Bezirk Donaustadt überblicken. Auf der einen Seite liegt der »Betonbruch«, aus dem noch die Stahlrippen ragen. Früher waren daraus Fahrbahn und Pfeiler der Reichsbrücke gefügt. Einem jener Pfeiler hatte über die Jahrzehnte die Korrosion derart zugesetzt, dass er schließlich abgeschert war. Der zweite, kleinere Trümmerberg besteht aus Dutzenden von nahezu unbeschädigten Granitblöcken, mit denen die beiden Brückenpfeiler außen verkleidet waren, weshalb niemand das zerstörerische »Kriechen« des Betons darunter bemerkt hatte.

Die Relikte schlummerten, von Gras überwuchert, auf der Deponie

Hin und wieder kann man auf und zwischen den Trümmern einige dunkelbraune Ziegen mit leuchtend gelben Augen antreffen. Ungefähr 20 der akut vom Aussterben bedrohten Pinzgauer Bergziegen, die hier vor zehn Jahren angesiedelt wurden, bevölkern die Deponie. Sie nagen an der Grasnarbe, die auf dem Abfall wächst, sie trinken das Wasser aus den Löschteichen. Meistens versammeln sich die zutraulichen Tiere rund um einen hölzernen Aussichtspavillon, der an einem der höchsten Punkte errichtet wurde. Neben dem Pavillon gibt es auch ein kleines Biotop – zu erreichen ist es über eine Stiege aus Reichsbrückengranit.

Seit 30 Jahren lagern die Betontrümmer der eingestürzten Brücke auf der Mülldeponie Rautenweg (die geborgenen Stahlelemente wurden hingegen in Linz eingeschmolzen). Während anderswo etwa Bruchstücke der Berliner Mauer oder alte Nieten, die bei der Renovierung des Eiffelturms anfielen, als nostalgische Artefakte zu Spitzenpreisen versteigert werden, liegt die ehemalige Lieblingsbrücke der Wiener unbeachtet zwischen Sperrmüll, Streusand und Asche. Nun sollen ihre Überreste wiederverwertet werden: Das Material der Reichsbrücke könnte für den Parkplatz eines Einkaufszentrums weiterverarbeitet werden.

»Gerüchte, dass sie bei uns sein soll, gab es immer schon«, erklärt Christian Stricker, Betriebsleiter der Deponie. Doch die Brücke lag begraben unter einem grasbewachsenen Hügel aus Müll. In den neunziger Jahren begann die MA 48, die Abfallbehörde der Stadt Wien, Teile des seit 1965 auf der einzigen städtischen Deponie abgekippten Mülls wieder auszugraben und zu recyceln. Mehr als 30 Millionen Kilo Beton und Granit der Reichsbrücke sind seither freigelegt worden. Wie viel noch unter der Erde liegt, weiß auch Stricker nicht. »Es gibt keine detaillierten Aufzeichnungen aus den siebziger Jahren. Damals wurde alles einfach abgekippt. Heute haben wir GPS und wissen genau, was wohin gebracht wird.«

Als Strickers Mitarbeiter auf die Brücke stießen, war zwar die Überraschung groß, nicht aber die Aufregung. Josef Thon, der Chef der MA 48 und damit Hüter der Relikte, hat »nur so nebenbei« davon erfahren, als er mit dem Betriebsleiter »über kuriose Dinge« plauderte, »die einem auf einer Mülldeponie passieren können«. Zum Beispiel über jenen christlichen Eiferer, der davon überzeugt war, auf der Deponie Rautenweg würden alle abgetriebenen Föten Wiens endgelagert werden, und deshalb partout ein Mahnmal für den »Baby-Holocaust« errichten wollte. Oder eben über die Reichsbrücke. »Schaun S’, das haben wir auch ausgegraben«, habe Stricker erzählt und seinem Chef ein paar Brocken Reichsbrücke gezeigt. »Ich habe nicht schlecht gestaunt«, erinnert sich Thon.

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Damals, als die Brückenkonstruktion im Morgengrauen zusammenkrachte, war der heutige Leiter der MA 48 gerade 16 Jahre alt. »Es war wie beim Tod von Elvis Presley. Zuerst ist man mit offenem Mund dagestanden und konnte es kaum glauben«, erzählt er. Mit der Reichsbrücke stürzten nicht nur 82 Millionen Kilogramm Beton und Stahl in die Donau, sondern auch eines der »zentralen, identitätsstiftenden Symbole« der Republik, wie der Stadtforscher Peter Payer meint. Die Kettenbrücke aus den letzten Jahren der Ersten Republik war bei Kriegsende im April 1945 der einzige unversehrte Donauübergang zwischen Wien und Linz. »Späte Kapitulation einer Brücke, die dem Bombenkrieg getrotzt hatte«, spottete die britische Boulevardzeitung Daily Express .

Schon kurz nach dem Einsturz begann der Katastrophentourismus. »Sonntagsvergnügen für Schaulustige« titelte die Neue Zürcher Zeitung verwundert über die Prozession der Gaffer, die am Tag des Einsturzes zu der Brückenruine pilgerten. Die Volkssänger Kratochwil und Napravnik wollen sogar selbst ernannte Fremdenführer neben den Trümmern erspäht haben, wie sie in ihrem Reichsbrückenmarsch aus dem Jahr 1976 singen: »Grande Rumores, die Bruck’n is kapores. / Ladies and Gentlemen, please coming to me / um five Schilling can you looking / durch my looking-glas this Bruck’n / tomorrow is maybe / the Floridsdorfer Bridge’n hi.« Überall blühte der Devotionalienhandel: Eine Trafikantin aus Kaisermühlen kaufte alle Ansichtskarten der Reichsbrücke, derer sie in Wien habhaft werden konnte, und freute sich über das Monopol: »Die gehen jetzt weg wie warme Semmeln.« Andere findige Geschäftsleute sammelten Stahlnieten ein und boten sie am Unglücksort für 20 Schilling pro Stück feil.

»Glückssteine«, gefertigt aus den letzten Resten eines Unglücksfalles

Auch heute ließe sich mit den Resten der Brücke wohl noch Geld verdienen. Immerhin erzielen Mauer-Reliquien aus Berlin bei eBay immer noch ganz gute Preise. Josef Thon lacht. Ein wenig ins Grübeln sei er schon gekommen, als er vor einigen Jahren von dem Pariser Schlosser erfuhr, der nach der Eiffelturm-Renovierung mit der Versteigerung von Metallteilen zum Millionär geworden war. Aber Profit mit den Trümmern der Reichsbrücke? »Mir war schnell klar, dass das nicht infrage kommt«, sagt Thon.

Er verteilt lieber Geschenke. 500 faustgroße, formschöne Granitwürfel hat der Beamte vor einigen Monaten aus einem der wuchtigen Blöcke anfertigen lassen, die er nun an »ausgewählte Personen« verteilt: »Als Anerkennung und Dankeschön für Leute, die sich besonders für die Abfallverwertung einsetzen.« Sozusagen ein Reichsbrückenpreis für Umweltbewusste, verliehen vom Hüter ihrer Trümmer. Die 500 »Glückssteine« sind durchnummeriert. Nummer eins geht an Bürgermeister Michael Häupl, Nummer zwei erhält die Umweltstadträtin Uli Sima. Anrainer der Mülldeponie werden ebenso bedacht wie Uni-Professoren, die über Abfallwirtschaft forschen. Eigentlich habe Thon die Aktion im Vorjahr, zum dreißigjährigen Jubiläum des Einsturzes, starten wollen: »Das habe ich dann einfach vergessen.«

Weitere Vermarktungsmaßnahmen sind mit dem historischen Artefakt allerdings nicht geplant. Im Gegenteil: Die Brücke wird – wie andere Abfälle auch – recycelt. Anders als 1976 ist heute auch die Wiedeverwertung von Beton profitabel.

»Das hier ist idealer Baustoff«, sagt Karl Reiselhuber und klopft auf eines der Trümmer. Ein Großteil des »Betonbruchs« der alten Brücke wird noch heuer in sogenannten Brechanlagen fein gemahlen werden. Danach kann, was von dem »Mythos« (Peter Payer) übrig blieb, als »Frostkoffer«, also als frostsichere Schicht unter einem Parkplatz oder einer Straße, neu verwendet werden.

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben