Kyoto, Brüssel, Heiligendamm, Berlin, Grönland: Das waren die wichtigsten Stationen der Klimapolitikerin Angela Merkel. Erst verabredete die Kanzlerin mit den Regierungschefs eine Reduzierung der CO₂-Emissionen, dann verhandelte sie mit den Chefs der Energiekonzerne über den Weg dorthin. Nun soll das Kabinett bei seiner Klausurtagung in Meseberg sogar "Weichen für die nächsten Jahrzehnte" stellen, so Merkels Ankündigung. Ausgerechnet eine marktliberale Kanzlerin setzt auf mehr Staat in der Umweltpolitik.

Vielleicht wird man ihr ganzes Kabinett später einmal als Runde von Staatsfreunden in Erinnerung behalten, denn für den kommenden Herbst planen fast alle Minister politische Initiativen, die dem Staat mehr, nicht weniger Einfluss verschaffen. Der Staat soll sich künftig um die Betreuung von Kindern unter drei Jahren kümmern und Mindestlöhne festsetzen; er soll bestimmen, welche ausländischen Investoren deutsche Unternehmen kaufen können – und in privaten Computern der Bürger nach Daten suchen dürfen. Bereits seit Anfang des Jahres lockt er Väter mit dem neuen Elterngeld an die Wickeltische, und neuerdings verbietet er das Rauchen in der Kneipe. Nach Jahren der Privatisierung von Staatsunternehmen ist er sogar wieder als Eigentümer gefragt: Beim kriselnden Luft- und Raumfahrtkonzern EADS stiegen Bund und Länder kürzlich ein, das Land Niedersachsen stockte seine VW-Anteile auf, und die nordrhein-westfälische Landesregierung prüft eine Beteiligung beim Energieriesen RWE.

Die Haltung der Deutschen zu ihrem Staat hat sich gründlich geändert, und die Politik reagiert darauf. Mehr als 70 Prozent der Wähler von Union und SPD, das ermittelten die Meinungsforscher von Emnid im Auftrag der ZEIT, wünschen sich Bahn, Telekom oder Energieversorgung in öffentlicher Hand. 68 Prozent aller Befragten halten für richtig, dass der Staat Mindestlöhne festlegt – darunter sogar viele FDP-Anhänger.

Am auffälligsten ist der Stimmungswandel in der Umweltpolitik. Als die Grünen-Politikerin Halo Saibold vor fast zehn Jahren dem Klima zuliebe höhere Flugpreise forderte und den Deutschen weniger Urlaubsreisen empfahl, jaulte die Öffentlichkeit auf. Heute sind fast drei Viertel der Deutschen bereit, für den Klimaschutz mehr Geld auszugeben. Dass der Staat sich einmischt, wird nicht länger nur ertragen, sondern geradezu erwartet.

Natürlich ist es nicht vollkommen neu, dass der Gesetzgeber Regeln formuliert für fast alle, auch für höchst private Angelegenheiten seiner Bürger: Für das Zusammenleben in der Familie etwa galten in der Ära Adenauer weitreichende Gesetze, eine Ehefrau durfte nur mit Genehmigung ihres Mannes arbeiten, nachlässige Haushaltsführung konnte ein Scheidungsgrund sein. Später fühlte sich die Sozialpolitik für fast alle Lebenslagen ihrer Bürger zuständig, die Leistungen des Staates schützten nicht nur vor großen Risiken wie Krankheit oder Alter, sondern reichten vom Schlechtwetter- bis zum Sterbegeld.

Doch seit den achtziger Jahren, spätestens seit dem Mauerfall, verbreitete sich eine Atmosphäre der Staatsskepsis – so als müsse man sich vom Sozialismus nicht nur im Osten des Landes verabschieden. Statt von "Vater Staat" war plötzlich vom "Standort Deutschland" die Rede, öffentliche Einrichtungen galten von nun an als langsam, teuer, bürokratisch und wenig effizient. Noch im Bundestagswahlkampf 2005 forderte der CDU-Politiker Friedrich Merz die Steuererklärung, die auf einen Bierdeckel passt, und Angela Merkel warb für die – so nannte sie es nicht – Kopfpauschale im Gesundheitswesen. Laute, scharfe Töne, die heute, kaum zwei Jahre später, fremd anmuten.