Roger Schawinski, der frühere Sat.1-Chef, hat uns einen faszinierenden Einblick in die Welt der deutschen TV-Serien-Produktion verschafft (ZEITmagazin Nr.34) . Er beklagt zu Recht die Herrschaft des Seichten, das Segeln in immer "flachere Untiefen". Und er berichtet vom heroischen gescheiterten Versuch mit Blackout, einem Polizisten-Psychodrama im Drogenmilieu. "Es war ein außergewöhnliches Stück Fernsehen" mit komplexen Plots und gebrochenen Helden, schreibt er, aber trotzdem ein Flop. Und daran knüpft er elegische Betrachtungen über Kunst & Kommerz, die in dem Fazit gipfeln: Qualität läuft nicht.

Dem darf man mit geziemendem Respekt widersprechen. Es gibt sehr wohl Serien, die Schawinskis Ansprüchen gehorchen und dennoch die Kassen füllen. Einige davon führt Schawinski selbst an. Es sind Serien mit diffizilen Handlungssträngen und ambivalenten Charakteren, mit raffinierten Schnitten und virtuoser Kameraführung, mit Tempo und Witz, ja auch mit Sozialkritik, die in Deutschland ein Muss ist. Was sind denn, um nur zwei Hits zu nennen, Desperate Housewives und Die Simpsons, wenn nicht Sozial- und Kulturkritik? Sie ist bloß ironisch gebrochen, also Pädagogik ohne Trübsal. Leider kommen diese Serien alle aus Amerika, und deshalb wirft Schawinskis Enttäuschung mit Blackout prinzipielle Fragen auf: Was machen die richtig, wir falsch?

Vorweg beklagt Schwawinski bei Blackout die flachen, düsteren Farben, die "katastrophalen Kontraste", die im krassen Gegensatz zur opulenten Optik made in U.S.A. stünden. Nur glänzen Die Sopranos, die zum Abschluss der Serie abermals mit Preisen überhäuft wurden, überhaupt nicht mit jener "bildlichen Opulenz, wie man sie von aufwendigen amerikanischen Spielfilmen kennt" (Schawinski). Die Jungs hängen meist in ihren spießigen Vorstadthäusern herum; die Interieurs geben kaum funkelnde Farben her. 24, die Kultserie schlechthin, spielt oft in der Nacht und in schwärzlichen Verhörräumen.

"Serien mit komplexen, verschachtelten Erzählungen schrecken ab", resümiert Schawinski. Ob er das auch von dem weltweiten Hit ER sagen würde? In einer Episode verknäueln sich mehr Sub-Plots als in allen Fallers – geradezu im Sekundentakt. Und doch wird am Ende stets der "Sack zugebunden" – egal, wie verschlungen die Stränge sind. Ob in Deutschland einfach nur ein Michael Crichton fehlt, dieser geniale Exmediziner aus Harvard, der die Serie erfunden hat?

Kann das deutsche Publikum keine gebrochenen Helden vertragen, die weder richtig gut noch richtig böse sind? Kiefer Sutherland gibt in 24 nicht den Schwiegersohn der Nation. Dr. Green in ER ist kein Dr. Schweitzer; das ist ein zerrissener Typ, der auch zu spät zur eigenen Hochzeit kommt. Da gibt es im richtigen Film (den Menschen helfen) lauter Falsches: Eitelkeit, Rivalität, Charakterschwäche. Und Dr. House? Ein Junkie, ein einsamer Wolf mit Krückstock, der sich die Morphiumpillen klaut und seine Patienten quält. Die schwulen Buben in Six Feet Under/Gestorben wird immer? Sie lieben und verraten sich, und Mutters verklemmte Sexualität stellt sogar die von Doris Day in den Schatten.