Was wäre wohl aus ihm geworden, wäre es nach seiner Mutter gegangen? Vier Kinder waren ihr gestorben, den einzigen überlebenden Sohn hatte die fromme Frau zum Geistlichen bestimmt. Und so trat er an seinem ersten Schultag feierlich in die religiöse Schule der kosmopolitischen Hafenstadt ein. "Dadurch wurde meine Mutter freundlich gestimmt. Nach einigen Tagen verließ ich diese Schule jedoch wieder", denn der Vater hatte ihn bei der weltlichen Schule angemeldet. Er wollte einen Kaufmann aus ihm machen, erfolgreicher als er selbst: Der Holzhandel, mit dem er seine Einkünfte als Zollbeamter aufbessern wollte, war pleitegegangen. Beim Tod des Vaters kurze Zeit später war die Familie so arm, dass sie zu Verwandten aufs Land ziehen musste. Hier war er Hütejunge, ein weiterer Versuch, ihn zur Schule zu schicken, scheiterte: Der eigensinnige Knabe raufte lieber, als zu lernen, und lief empört davon, nachdem ihn ein Lehrer geschlagen hatte. Als er einen Jungen in der Uniform der Militärschule sah, fasste er den Entschluss: So eine Uniform würde er auch tragen! Wie der Vater manövrierte der Zwölfjährige die Mutter aus, verheimlichte das Datum der Aufnahmeprüfung und stellte sie vor vollendete Tatsachen.

Die Disziplin, der er sich nun unterwerfen musste, konnte seinen schwierigen Charakter nicht brechen, er akzeptierte und verinnerlichte jedoch soldatische Werte wie Loyalität und Verantwortungsgefühl. Besondere Fähigkeiten bewies er in Mathematik. Als einer der besten Absolventen wurde er für die höhere Ausbildung vorgesehen. "Sehr pflichteifrig, aber es ist unmöglich, mit ihm engere Beziehung aufzunehmen", heißt es im Zeugnis. In seiner Freizeit begann er maßlos zu trinken und trieb sich mit Gesindel herum. Das hielt ihn nicht davon ab, seine Dienstpflichten zu erfüllen und eigene Vorstellungen zu entwickeln für das Land, zu dessen Verteidigung er ausgebildet wurde.

Die Zeiten waren unruhig, das Land war von außen bedroht, und im Innern wuchs die Unzufriedenheit. Die Wortführer der Erneuerungsbewegung waren in seinen Augen Schwätzer und Demagogen, dennoch kooperierte er mit ihnen, gab eine Geheimzeitung heraus und organisierte konspirative Versammlungen, gehörte aber nicht zu den Anführern, die schließlich die Macht an sich rissen. Sie schoben ihn als Diplomat ins Ausland ab, wo er mit seiner brutalen Offenheit aneckte. Als das Land angegriffen wurde, erhielt er das Kommando, es an strategisch entscheidender Stelle zu verteidigen. Ohne Angriffsbefehl schickte er seine Truppen in eine blutige Schlacht. Sie machte ihn zum Helden. Bei einer späteren Invasion übernahm er faktisch den Oberbefehl und rief das gesamte Land zur Verteidigung auf – sogar kleine Mädchen bekamen Orden, weil sie Nachschub an die Front gebracht hatten. Nach dem Krieg stellte er enttäuscht fest, dass Siege in der Schlacht schneller zu erringen waren als bei der Umerziehung eines Volkes, das er von einer "absurden Gotteslehre" und den "abstrusen Auslegungen von schmutzigen und unwissenden Pfaffen" befreien wollte: "Ich werde mein Volk an der Hand führen, bis seine Schritte sicher sind und bis es seinen Weg kennt."

Dazu starb er zu früh – ironischerweise in dem Palast, dem er seine Bedeutung als Machtzentrum genommen hatte.

Wer wars?

Wolfgang Müller

Lösung aus Nr. 34:
Simone Signoret (1921 bis1985) hieß eigentlich Simone Kaminker und war als Tochter eines französischen Beamten in Wiesbaden zur Welt gekommen. 1923 ging die Familie zurück nach Paris. Später nahm Simone den Nach- namen der Mutter an, um ihre halbjüdische Herkunft zu verschleiern. Berühmt machte sie 1951 Jacques Beckers Film "Casque d‘or", im selben Jahr heiratete sie Yves Montand. Montands Liaison mit Marilyn Monroe galt als Belastungsprobe für die Ehe. 1976 erschienen Signorets Memoiren mit den berühmt gewordenen 20 Seiten über MM. 1960 hatte Simone Signoret den Oscar für die Hauptrolle in "Room at the Top" ("Der Weg nach oben"; Regie Jack Clayton) erhalten