Denkmalschützer fürchten Bakterien, denn sie nagen am Stein wie Karies an Zähnen. Manche jedenfalls. Andere fressen gezielt Stoffe weg, die dem Denkmal schaden, oder bauen den Stein gar wieder auf. Die guten Bazillen wollen Mikrobiologen nun für den Denkmalschutz nutzen.

"Für jeden Problemstoff gibt es Bakterien, die ihn abbauen", schwärmt Curt Rudolph von der Amtlichen Materialprüfungsanstalt Bremen. Er arbeitet mit Pseudomonas pseudoalcaligenes und Pseudomonas pertucinogena. Die hat er aus der Kläranlage, dort bauen sie Nitrate im Abwasser ab. Diese Eigenschaft soll auch Mauerwerken nützen. Im Wasser gelöst, kriechen Nitrate aus dem Boden auch ins Gestein; verdunstet die Feuchtigkeit an der Oberfläche, bleiben die Salze zurück und bilden bizarre, flauschig wirkende Strukturen, die Nitratausblühungen. Sie lassen Putz abblättern und Ziegel zerbröseln. Größeres Unheil noch richten die Salze im Verborgenen an. Im Gemäuer wachsen sie zu Kristallen heran und verstopfen die natürlichen Poren. Schließlich sprengen sie das Baumaterial.

Die Nitratfresser-Bakterien werden zusammen mit Nährstoffen in Alginatkügelchen verpackt, die aussehen wie gelblicher Kaviar. In Mörtel eingerührt, trägt Rudolph sie auf das betroffene Mauerwerk auf. Dazwischen legt er eine Schicht Chinapapier, damit sich die teure Schönheitsmaske später leichter löst. Weil der Mörtel weniger Nitrat enthält als die Wand, wandert das Salz per Diffusion aus dem Stein. Da die Bakterien das Nitrat permanent wegfressen und in Stickstoff und Sauerstoff aufspalten, die sich als Gase verflüchtigen, schluckt der Mörtel mehr Nitrat. "Die Bakterien erhöhen die Kapazität um ein Vielfaches", sagt Rudolph.

Zusammen mit Wissenschaftlern aus Großbritannien, Griechenland, Italien und Lettland hat der Biologe im von der EU geförderten Projekt Biobrush biologische Verfahren zur Restauration erforscht. So könnten auch Folgen der Luftverschmutzung – schwarze Sulfatkrusten und Kohlenwasserstoffe – mit Bakterien beseitigt werden.

Rudolphs ehemaliger Kollege Thomas Warscheid experimentiert inzwischen in seinem privaten Labor mit Mikroorganismen, die Kalk- und Sandsteine befestigen sollen. Bacillus cereus heißt das Baumeister-Bakterium. Zusammen mit Kalziumazetat wird es auf krümelndes Gemäuer gesprüht. Es frisst das Azetat, "verdaut" es und scheidet als Endprodukt Kalziumkarbonat, also Kalk, aus.

So tragen die Mikroorganismen hauchdünne Schutzschichten gegen Verwitterung auf, stabilisieren Oberflächen und befestigen Wandmalereien. Zwar lässt sich Kalk auch chemisch produzieren, doch die Einzeller lagern ihn in winzigen Strukturen mit Poren ab, die dem natürlichen Stein ähneln. So könne das Mauerwerk weiter atmen. Zudem fabrizierten die Bakterien dünne Überzüge ohne Wülste, sagt Warscheid: "Sie arbeiten immer oberflächenparallel – auch ohne Restaurator, der mit dem Spachtel jeder Kontur folgt."

Nicht alle Denkmalschützer sind von den Bakterien überzeugt. "Ständig bekomme ich Wundermittel angeboten", sagt die Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner. "Wer garantiert mir, dass die nicht Kalk aufbauen, wo ich ihn nicht gebrauchen kann?"