Als die USA vor mehr als drei Jahren im Irak einmarschierten, drohte ihnen Saddam Hussein, dass sie die Tore zur Hölle öffnen würden. Doch wohl niemand hat sich vorstellen können, in welcher Weise er am Ende recht behalten würde. Vier Selbstmordattentäter steuerten letzte Woche mit Bomben beladene Lastwagen in die Zentren der Ortschaften Til Ezer und Siba im Norden des Iraks und brachten den gesamten Sprengstoff gleichzeitig zur Explosion. Mindestens 500 Jesiden starben, ganze Familien wurden ausgelöscht. » Für unsere Gemeinschaft ist das ein 11.

September«, sagte Telim Tolan, Vorsitzender des Forums der Jesiden in Deutschland.

Der Schock über diesen Massenmord sitzt tief. Warum gerade die Jesiden? Wer stellt einer rund 800000 Köpfe zählenden religiösen Gemeinschaft in solch geradezu genozidalen Absichten nach? Kann es dahinter überhaupt eine Rationalität geben?

Diese Fragen zu beantworten ist auf den ersten Blick einfach.

Islamistische Fanatiker haben das Attentat mit größter Wahrscheinlichkeit geplant und ausgeführt. Der Anlass dafür war die Steinigung eines jesidischen Mädchens, das sich mit einem muslimischen Mann eingelassen hatte. Den Jesiden ist es nach ihrer Sitte nicht erlaubt, außerhalb ihrer Gemeinschaft zu heiraten. Nach der Steinigung tauchten in den von Jesiden bewohnten Gebieten Flugblätter auf, in denen zu lesen stand: »Wir werden sie auslöschen und ihre Häuser über ihren Köpfen einreißen.« Gezeichnet: Islamischer Staat in Irak. Eine Gruppe, die Verbindungen mit al-Qaida pflegt.

Das Attentat ist mehr als nur der neuerliche Beweis für den Vernichtungswillen von al-Qaida, es öffnet den Blick auf den neuen Irak, der seit fast vier Jahren im Werden ist. In welche Richtung das Land auch gehen wird, eines ist klar: Es wird ein ethnisch weitgehend homogener Irak, aufgeteilt zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden.

Andersgläubige sowie Angehörige andere Ethnien werden in diesem Land keinen Platz mehr haben. Turkomanen, Chaldo-Assyrer, Christen, Jesiden, Mandäer, Sabäer, Bahais, Schabaken, Palästinenser, Juden sie alle dürften fast oder ganz verschwinden, wenn das Morden und die Vertreibungen so weitergehen. Nach Angaben der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR sind seit April 2003 insgesamt 1,8 Millionen Iraker außer Landes geflohen. Obwohl die Minderheiten weniger als 10 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, gehören ihnen rund 40 Prozent der Flüchtlinge an. Die NGO Minority Rights Group (MRG) schreibt in einer jüngst veröffentlichen Studie, dass »die Minderheiten extremer Gewalt ausgesetzt und, in manchen Fällen, vom Vernichtung bedroht sind«.