Teresa Strangio läuft in die Küche ihres Hauses und wirft die Zeitungen des Tages auf den Tisch. Sie presst ihren Zeigefinger auf die Zeilen, die sie so wütend machen. Zeilen über den Tod ihres 16-jährigen Sohnes Francesco Giorgi. Er wurde mit fünf anderen Männern vergangene Woche vor einer Pizzeria in Duisburg erschossen. »Ich will endlich die Wahrheit wissen!«, schreit Teresa Strangio. Die kleine, kräftige Frau Anfang 40 wirkt eher wie eine zeitgenössische Medea denn wie eine Mutter, die ihr Kind verloren hat.

Ihr Haus liegt am Ortseingang von San Luca, ein zweistöckiger Bau, ungetüncht wie so viele Häuser Kalabriens. Frauen in Schwarz stehen Schlange vor der Treppe, um der Familie Beileid zu bekunden. Oben in den Bergen, die den Ort umzingeln, ragt ein schroffes Felsenensemble hervor. Die Spur eines Erdrutsches. An manchen Tagen, je nach Lichteinfall, sehe es aus wie ein Totenkopf, sagen die Bewohner.

Teresa Strangios Sohn war für ein paar Monate zu Besuch bei seinem Onkel gewesen. Ihr Bruder Sebastiano war Koch und Mitbetreiber der Pizzeria Da Bruno nahe dem Duisburger Bahnhof. Die Zeitungen, die sie vor sich hat, berichten, ihr Bruder sei in Drogengeschäfte verwickelt gewesen, habe in den Niederlanden im Gefängnis gesessen. »Was da steht, stimmt alles nicht!«, sagt sie und schlägt auf den Tisch. In der Tat erwähnt ein BKA-Bericht aus dem Jahr 2000 mehrere Sebastiano Strangios in Zusammenhang mit Kokainhandel und sonstigen Delikten. Über ihren 38 Jahre alten Bruder wird da nur berichtet, dass er eine Zeit lang Betreiber der Pizzeria Da Bruno gewesen sei. Einer Pizzeria, die ungewöhnlich häufig den Inhaber wechselte und deshalb schon länger unter Beobachtung italienischer Ermittler steht.

Die Wahrheit ist nicht leicht zu ergründen in San Luca, diesem 4000-Einwohner-Dorf, zehn Kilometer von der Ionischen Küste Kalabriens entfernt. Von hier stammten fünf der sechs Männer, die in der Nacht auf den 15. August vor der Pizzeria in Duisburg niedergeschossen wurden. Man hatte gerade den 18. Geburtstag des Lehrlings Tommaso Venturi gefeiert, er war als Einziger der Gruppe in Deutschland geboren. Die Kellner Francesco und Marco Pergola, 21 und 19 Jahre alt, stammten aus der Nähe von San Luca, nach Deutschland hatte sie die Arbeit gelockt. Marco Marmo, 25, war gerade aus San Luca angereist. Es heißt, er sei auf der Flucht gewesen, laut italienischen Ermittlern soll er ein Killer gewesen sein. Francesco Giorgi half in der Pizzeria seines Onkels aus – jenes Sebastiano Strangio, den die Ermittler für eine der Zielscheiben der Killer halten. Die andere soll Marco Marmo gewesen sein. Als die sechs Männer aus dem Lokal traten und sich ihren Wagen näherten, feuerten die Killer insgesamt siebzig Schüsse auf sie ab. Zum Schluss schossen sie jedem Opfer in den Kopf.

Allem Anschein nach ein lange vorbereitetes Massaker. Italienische Anti-Mafia-Ermittler glauben, man hätte es abwenden können. »Wir hatten der deutschen Polizei schon längst mitgeteilt, dass die Pizzeria Da Bruno in Duisburg ein Nest kalabrischer Mafiosi aus San Luca ist«, sagt Alberto Cisterna, Oberstaatsanwalt der italienischen Direzione Nazionale Antimafia in Rom. In der Pizzeria habe die ’Ndrangheta, wie sich die kalabrische Mafia selbst nennt, vermutlich Gelder aus dem Drogenhandel gewaschen. Warum dann die deutschen Beamten keine Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, das Lokal nicht unter Beobachtung gestellt hätten? »Ach, das weiß ich nicht. Vielleicht hatten sie gerade Wichtigeres zu tun.«

Während die deutschen Ermittler am Tag nach dem Blutbad noch »in alle Richtungen« nachforschen wollten, war italienischen Ermittlern sofort klar, dass es sich um den jüngsten Akt einer seit 16 Jahren währenden Fehde zwischen zwei rivalisierenden ’Ndrangheta-Clans aus San Luca handeln muss. Dort und in den benachbarten Orten Platí und Africo hat die ’Ndrangheta ihre Brutstätten. In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sie sich in der ganzen Welt ausgebreitet und auch in Deutschland regelrechte Stützpunkte aufgebaut. Duisburg ist nur eines ihrer Zentren, andere gibt es in Bochum, Erfurt, Leipzig, München, Stuttgart, Aachen und im Saarland. Zellen, die sich einerseits der Geldwäsche und der Organisation des internationalen Rauschgift- und Waffenhandels widmen, andererseits den in Italien polizeilich gesuchten Clan-Mitgliedern Unterschlupf bieten. Umsätze in Milliardenhöhe sollen die weltweiten Geschäfte der ’Ndrangheta einbringen.