China möge sich "auf gemeinsame Spielregeln einlassen" – das war die richtige Losung, die Angela Merkel in Peking ausgegeben hat. Gleiches sollte sie auch bei ihrem nächsten Besuch in Moskau tun. Denn diese beiden aufstrebenden Giganten – der eine ex-, der andere noch kommunistisch – verletzen die Spielregeln auf jeweils eigene Weise. Der Unterschied? China scheint beim Programmpunkt "internationaler Komment" williger zu sein als Russland.

Jedenfalls in Stilfragen: Selbstverständlich betreibe der chinesische Staat keine computergesteuerte Industriespionage in Deutschland, beteuerte die Regierungssprecherin, bot aber der Kanzlerin im selben Atemzug Zusammenarbeit bei der Hacker-Hatz an. Höfliche Augenwischerei? Gewiss. Bekanntlich aber ist die Heuchelei die Ehre, die das Laster der Tugend erweist (La Rochefoucauld), und so steckt in dieser Offerte schon mal ein Quantum Problembewusstsein, das sich trefflich nutzen lässt.

China wird nicht morgen aufhören, deutsche Autos zu kopieren und massenhaft "intellektuelles Eigentum" gratis abzusaugen; so ruchlos haben die Aufsteiger seit Menschengedenken gehandelt. Aber wer als "Werkbank der Welt" jährlich für Exporte in Höhe von 1000 Milliarden Dollar gut ist (und demnächst die Deutschen vom ersten Platz verdrängen wird), spürt irgendwann den Stachel des Eigeninteresses, der Verantwortung fordert. Integration in die Weltwirtschaft ist der erste Schritt zu jenen "gemeinsamen Spielregeln", die Merkel angemahnt hat.

Pressefreiheit und andere bürgerliche Vorrechte? Frau Merkel hat (anders als ihre Vorgänger Helmut Kohl und Gerhard Schröder in Moskau) demonstrativ mit kritischen Journalisten geplaudert. Und siehe da: Das Signal geriet nicht zur Provokation; es folgten weder Zurechtweisung noch Eklat. Das Richtige zu tun, zeigt sich, ist so falsch nicht.

Mag sein, dass Peking ein Jahr vor Olympia seinerseits nicht provozieren will – oder sich so sicher fühlt wie noch keine totalitäre Führung zuvor. Denn China vollbringt derzeit ein Kunststück, das noch kein "autoritärer Modernisierer" auf Dauer geschafft hat. "Bereichert euch, aber wehe, wenn ihr nach den Zügeln greift", lautet der Ukas des Einparteienregimes.

Das funktioniert glänzend seit dem Tiananmen-Massaker von 1989. Doch lehrt die Geschichte: Die zweigeteilte Modernisierung ist kein verlässliches Zukunftsprojekt. Wer Eigentum erwirbt, wer am Reichtum partizipiert, will bald auch die Macht. Ob das halbwegs glimpflich abläuft wie bei der Industrialisierung der Anglo-Länder oder auf dem Umweg der totalitären Konterrevolution wie in Deutschland und Japan im frühen 20. Jahrhundert, muss China noch beweisen.

Wer reich wird, warnt die Geschichte überdies, wird auch zum Risiko für den Rest der Welt – siehe die Aufsteiger Deutschland und Japan, die nach rasanter Industrialisierung gewaltsam ihren "Platz an der Sonne" einforderten. Die Chinesen haben deren imperiales Scheitern unter Wilhelm II., Hitler und Hirohito sorgfältig studiert, und sie beschreiten einen anderen Weg – einen anderen auch als Putins Russland, wo der neue Reichtum ins Rowdytum geführt hat.