Vor einem Jahr landete New Orleans in Eisenach. Ein Überseecontainer, gefüllt mit 7000 Schallplatten, mit Büchern, Noten und mehreren Schlagzeugsets, stand am Rande der Stadt von Luther und Bach. Absender: der Schlagzeuger Trevor Richards, seit 25 Jahren wohnhaft in 4938 South Rocheblave Street, in einem der vielen zerstörten Viertel von New Orleans. Empfänger: der Jazzclub Eisenach, wohnhaft in der Alten Mälzerei, Palmental 1. Den Inhalt stiftete der 62-jährige Engländer, der sein Haus in New Orleans nach der Flut aufgeben musste, der Jazzclub übernahm die Transportkosten von 2500 Dollar. Man könnte das Geschäft auch anders beschreiben: Eine lebenslange Liebe zur Musik sucht eine letzte Heimat.

Seltsam trübe Wassertropfen muffeln noch immer aus aufgequollenen Schallplattencover in den Plastikhüllen, manchmal bröselt auch schon der Staub der getrockneten Pappe. Kartonweise stehen und liegen die seltenen Stücke im ersten Stock des Eisenacher Jazzarchivs – überall warten gelbe Gummihandschuhe auf Arbeit. Die Vinylplatten werden in der Plattenwaschmaschine gereinigt, in frische weiße Hüllen gesteckt und mit fotokopierten Coverbildern versehen, der Jazzkenner will Klarheit. Stripteasetänzerinnen auf Plattenhüllen, die New Orleans früher nie verlassen hatten, lehnen an einem Regalmeter Louis Armstrong, Jazz Piano Rolls und Marx Brothers on Radio stehen neben nie gehörten Aufnahmen von New-Orleans-Paraden, Billie and Dede Pierce With Vocal Blues And Cornet in The Classic Tradition , wer kennt die Namen, zählt die Platten?

Zwei Drittel der Schallplatten sind in einwandfreiem Zustand, ein Drittel weist mittlere bis schwere Wasserschäden auf. Manches scheint musikalisch belanglos, bleibt für die Sammlung aber unverzichtbar. Der vermeintliche Widerspruch löst sich im Konzept des Jazzarchivs Eisenach auf. Kulturamtsleiter Reinhard Lorenz, Herz, Kopf und Seele des Jazzarchivs wie des Jazzclubs, will das »Vermächtnis« nicht alphabetisiert zerstückeln und funktional auf Regale verteilen, er will, dem Gedanken der Kultur als menschliche Praxis von Hermann Glaser folgend, New Orleans seinen eigenen Raum geben, mit den dazugehörigen Büchern, mit dem Schlagzeug von Zutty Singleton, das einst Louis Armstrong begleitete. »Es sind die kleinen Geschichten, die große Geschichte ausmachen, viel mehr, als sie in der ›oberen Etage‹ denken«, sagt der 1952 nahe Eisenach geborene Reinhard Lorenz und deutet auf ein anderes Instrument aus der Schatztruhe, ein zusammenlegbares Schlagzeug – Musik muss beweglich sein.

Der Container aus »Bushland« – wie Trevor Richards es nennt – landete nicht zufällig in Thüringen. In den neunziger Jahren war er mit Bands in Eisenach aufgetreten, hatte den Jazzfan Reinhard Lorenz kennengelernt, ihm vertraut, wie Jahre zuvor ein anderer Musiker, der Bluespianist Günter Boas, der zusammen mit der Oscar Klein Band die DDR bereist hatte und 1978 in Ost-Berlin mit Lorenz Freundschaft schloss. Die Querverbindungen ergaben sich zufällig und doch musiklogisch. Der Saxofonist der Oscar Klein’s Bluesmen, Roland Blume, war der westliche Bruder von Manfred Blume, Gründer des östlichen Eisenacher Jazzclubs: 1959 genehmigt und geduldet, offiziell als »AG Jazz Eisenach in der FDJ-Organisation des VEB Automobilwerk Eisenach« geführt. Die essigmatrizenblaue erste Nummer der Clubzeitschrift Die Posaune im April 1959 klang hoffnungsfroh: »Hallihalloliebejazzfreunde! Hier soll all das besprochen werden, was euch bezüglich Jazz unklar ist – ganz frei und offen.« Es war diese Atmosphäre aus jugendlicher Begeisterung, aus Widerspruch und dem Bewusstsein, die einzig aufrechte Musik gefunden zu haben, die den Menschen die Sicherheit gab – mit den Vitaminen Improvisation und guter Laune gestärkt –, gegen den Virus Bürokratie und mies gelaunte Spießer immun zu sein. Auch die begeistert aufgenommenen Westmusiker, die in der heimatlichen Bundesrepublik immer mehr von Beat, Rock und Pop aus Radio, Fernsehen und Clubs vertrieben wurden, hatten das Gefühl, hier Zuflucht und Zuhörer zu finden. Und doch schrieb der 60-jährige Günter Boas 1980 mit feinem Gespür an einen Kollegen: »Wir dürfen uns keine Fahrlässigkeiten leisten, keiner von uns. Besonders jetzt in der DDR können wir das einfach nicht machen. Das Publikum drüben ist sehr kritisch, bei allem Enthusiasmus.« Dass sich nun an der Grenze der ehemaligen DDR Leidenschaft und archivarische Genauigkeit treffen, ist kein Zufall.