1953, Ulrich Zahlten, USA

Bewirb dich da doch auch, hatte sein Vater gesagt, es ist eine tolle Sache, Amerika kennenzulernen. Also bewarb er sich bei einem Austauschprogramm, das die US-Regierung für Jugendliche aus Deutschland organisierte, auch um die Erziehung zur Demokratie zu fördern. Das war 1953, Ulrich Zahlten war gerade 16 und ging auf das Johanneum in Lübeck. Er kam nach St. Joseph: eine Stadt mit 11000 Einwohnern in Michigan. In einem zweiwöchigen Intensivkurs bekamen die Austauschschüler Nachhilfe in Sachen amerikanischer Lebensstil. Sie lernten, wie man als Jugendlicher in einem amerikanischen Haushalt mithilft. Wie man Betten macht, Hemden bügelt, eine Waschmaschine bedient, »die war damals in Deutschland ja noch unbekannt«, erinnert sich der 70-Jährige. Seine Gasteltern machten es Ulrich Zahlten leicht, sie waren witzig, spielten leidenschaftlich gerne Amateurtheater, er fühlte sich schnell wohl. Freunde lernte er in der Highschool kennen.

Vor seiner Ankunft war Zahlten gespannt, wie er als Deutscher nur wenige Jahre nach Kriegsende in den USA aufgenommen würde, und hatte sich schon auf einiges gefasst gemacht. Immer wieder gab es Fragen zur Nazivergangenheit, aber er wurde nicht an den Pranger gestellt. Die Amerikaner wollten wissen, wie der Marshallplan in Deutschland ankam, was die Deutschen von McCarthy hielten. 75 öffentliche Vorträge und Podiumsdiskussionen absolvierte Zahlten während seines Austauschjahrs. Er lernte dabei viel über die USA, aber auch über Deutschland. Als »unglaublich bildend« beschreibt er diese Zeit heute. Sie habe ihn gelehrt, die Dinge mit den Augen des anderen zu betrachten. »Was meine persönliche Entwicklung angeht, war es das wichtigste Jahr meines Lebens«, sagt Zahlten.

Kontakt zu seinen Eltern hatte er während dieser Zeit nur per Post, telefonieren war ausgeschlossen, drei Minuten hätten damals 50 Dollar gekostet. Nach seiner Rückkehr ging er wieder aufs Johanneum in Lübeck, machte sein Abitur, studierte Jura und wurde Richter in Hamburg, und – darauf ist er stolz – er gründete 1957 mit anderen Ehemaligen den deutschen Zweig von Youth for Understanding – wird mit 20 Vorsitzender und bleibt es 40 Jahre lang. In dieser Zeit lernte Ulrich Zahlten auch seine Frau kennen. Ihre beiden Kinder haben das Programm selbstverständlich auch absolviert. Arn

1970, Arntraud Hartmann, USA

Sie weiß noch genau, wie es anfing zu tropfen. Das Wasser kam aus ihren gefrorenen Haaren, lief von der Stirn über die Nase bis auf die Schulbank. Ihren American-History-Lehrer konnte Arntraud Hartmann unter dem Schleier des Wassers kaum erkennen. In Tuttlingen wäre das nicht passiert! Da war die damals 16-Jährige Leistungssportlerin im Abfahrtsski, eine regionale Größe, sogar bei der deutschen Meisterschaft lief sie mit. Jetzt saß sie in Holland in Michigan, USA, und man hatte ihr gesagt, sie könne zwischen den Sportarten Schwimmen und Cheerleading wählen, Holzschuhtanz wäre sowieso Pflicht. Also ging sie schwimmen, trainiert wurde auch im Winter morgens um sechs. Auf dem Weg zur Schule froren ihre Haare zu Eis.

Vieles war so ganz anders in Michigan. Zum Skifahren musste sie auf eine Sanddüne, sonntags in die Kirche, und für ihre vier Gastschwestern gab es nichts Wichtigeres, als sich für Freitagabend ein »Date« zu organisieren. An ihrem Gymnasium in Tuttlingen gehörte Arntraud Hartmann in den Nachwehen der 68er-Bewegung zu einer aufmüpfigen Schülerschaft, sie war politisch interessiert und »zackige Diskussionen« gewohnt, doch in Holland galt es als unfreundlich, kontroverse Meinungen zu haben. »Alles war sehr beschaulich, konservativ, auch ein bisschen langweilig. Ich passte da nicht so richtig rein mit meinen Wertigkeiten«, erinnert sich die 52-Jährige. Trotzdem fiel es ihr nicht schwer, sich anzupassen, sie wusste ja, dass ihr Leben nicht für immer hier spielen würde.

Die Brüder ihrer Mitschüler kämpften in Vietnam, und Arntraud Hartmann wurde in den Schulfluren nicht selten mit »Heil Hitler« begrüßt. Also versuchte sie aufzuklären, hielt Reden über die nationalsozialistische Vergangenheit ihres Landes, über Willy Brandts Kniefall von Warschau. Und immer wieder wurde sie gefragt: Warum hat dein Land das getan? Oft fiel es ihr schwer, mit all ihren Gedanken und Gefühlen so allein zu sein.