Milch wird knapp? Der Sprit wird teurer? Die Erde erwärmt sich? Was auch immer passiert – das passende Zertifikat liegt sicher schon bereit. Wer sein Geld in diese erst wenige Jahre alte Anlagevariante steckt, geht immer eine Wette auf die Zukunft ein – und das unabhängig davon, ob diese rosig oder grau wird. Vorbei sind die Zeiten, in denen Privatanleger ihr Vermögen allein mit Aktien, Anleihen und Immobilien vermehren konnten. Banken bieten Zertifikate an, mit denen Anleger in die Märkte für Holz, Rohöl oder auch Orangensaft einsteigen können. Mit denen sie von den positiven Folgen der Unternehmenssteuerreform oder vom Kursverlauf peruanischer Aktien profitieren sollen.

Wer ein Zertifikat kauft, investiert nie direkt in einen Basiswert, sondern immer in ein Kunstprodukt, das über eine mathematische Formel auf Veränderungen dieses Basiswertes reagiert. Die Anbieter, auch Emittenten genannt, sind dabei höchst kreativ: Kaum taucht ein neues Thema in der öffentlichen Diskussion auf, präsentieren sie das passende Produkt – mit Gewinnchancen bei steigenden, fallenden oder gar stagnierenden Märkten. So war jüngst Milch an der Reihe: Mitten im Sommerloch überschlugen sich die Meldungen, der Milchpreis stehe vor einem rasanten Anstieg. Wenige Tage darauf warf die Bank ABN Amro ein Zertifikat auf den Markt, mit dem Privatanleger von der angeblich anstehenden Hausse profitieren könnten. Der Wert des Zertifikats steigt, wenn der Preis des Milch-Futures an der Rohstoffbörse in Chicago klettert. »Jeden Tag fragen Anleger nach Milchzertifikaten«, freute sich ABN Amro.

Anlegerschützer und kritische Banker haben starke Vorbehalte gegenüber solchen Angeboten. »Wenn in der Zeitung steht, der Milchpreis steigt oder der Kaffee wird teurer, weil irgendwo eine Ernte ausgefallen ist, dann klingt es erst mal sexy, davon zu profitieren«, sagt German Reng, Berater im Vermögenszentrum München, einem von Banken unabhängigen Vermögensverwalter. »Was er da allerdings wirklich bekommt, kann ein Privatanleger meist gar nicht nachvollziehen.« Ganz abgesehen davon, dass kein Anleger beurteilen kann, ob sich ein Einstieg in den Milchmarkt tatsächlich lohnt. Der Bank kann das herzlich egal sein: Sie hat einen guten Teil ihres Geldes schon verdient, sobald sich ein Kunde das Zertifikat gekauft und ins Depot gelegt hat. Branchenexperten sehen denn auch solch exotische Angebote nicht nur als kuriose Auswüchse, sondern als strukturelles Defizit einer in den vergangenen Jahren rasant gewachsenen Finanzindustrie.

Die Anleger entscheiden allein – oft fehlt aber das nötige Wissen

Anders als bei Fonds, bei denen das Wohl der Anleger meist eng mit dem Erfolg des Anbieters und seinen Managern verbunden ist, arbeiten in Zertifikateabteilungen vor allem Investmentbanker mit einem Hang zum schnellen Abschluss. »Unsere Szene ist nach wie vor sehr Deal-orientiert«, sagt ein langjähriger Investmentbanker selbstkritisch, der gerade ins Fach der Vermögensverwalter gewechselt ist. Das schnelle Geschäft ist wichtiger als langfristig zufriedene Kunden. »Das kann für die Zertifikateindustrie zum großen Problem werden«, warnt der Banker. Denn was sich mit den Anforderungen des professionellen Geschäfts noch decken mag, passt kaum zu den Ansprüchen von Kleinsparern.

Gern erwecken die Anbieter von Zertifikaten den Eindruck, ihre Produkte seien eine Alternative zu Investmentfonds, zudem flexibler und einfacher zu durchschauen. Was sie verschweigen: Sie bieten in der Regel keine Vermögensverwaltung. Genau das ist das Geschäft der Fondsgesellschaften: Hier kümmern sich Manager darum, das Kapital der Kunden anzulegen. Dreht sich der Wind an den Märkten, können sie das Portfolio umschichten. Diese aktive Arbeit mit dem Geld der Anleger mag nicht immer gelingen, ist aber Teil des Leistungsversprechens. Wer in Zertifikate investiert, muss sich dagegen selbst um Markteinschätzung und Anlagestrategie kümmern – und selbst entscheiden, ob ein Milch-, Öl- oder Holzzertifikat ein sinnvolles Investment ist. Emittenten versuchen das als Vorteil zu verkaufen: »Wir maßen uns nicht an zu entscheiden, wie unsere Kunden ihr Geld investieren sollten«, sagt zum Beispiel Holger Bosse vom Marktführer Deutsche Bank X-Markets.

»Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man Anlegern Produkte verkauft, die sie selbst aussuchen«, sagt Vermögensverwalter German Reng. »Verwerflich ist es allerdings, dass das Chance-Risiko-Profil oft nicht klar kommuniziert wird.« Dann aber seien Investoren gar nicht in der Lage, die Qualität der Angebote zu beurteilen.

In der Tat ist es nicht nur fragwürdig, Milch, Klima oder Sprit in eine Geldanlage zu verwandeln – es ist auch kompliziert. Fehlt den Emittenten für ein Angebot ein anerkannter Basiswert, kreieren sie auch schon einmal selbst einen Index oder einen Aktienkorb. Die Güte sogenannter Take-Over-Baskets oder Himalaya-Anleihen ist für Laien schon wegen der künstlichen Marktbarometer, die dahinter stehen, nicht zu beurteilen.