ür die Zugfahrt zur Documenta hatte ich ein Buch des neuerdings bei Intellektuellen hoch angesehenen, christlich-konservativen Denkers Nicolas Gomez Davila gekauft. Christlich-konservative Aphorismen. "In demokratischen Epochen verbringt alles Überlegene die Zeit damit, sich zu entschuldigen." Oder: "Das Kunstwerk ist ein Pakt mit Gott." So einfach gehen Aphorismen. Es ist wie Sudoku. Zum Beispiel: Der Irrtum der Konservativen besteht darin, dass man Hochmut nicht essen kann.

Der Sozialist glaubt an den Fortschritt. Der Konservative glaubt an handgenähte Maßschuhe.

Gute Kunst drückt komplizierte Gedanken auf einfache Weise aus. Schlechte Kunst drückt einfache Gedanken auf komplizierte Weise aus.

Bei der Documenta traf ich dann zufällig Kurt Beck. Er machte einen Rundgang, hinterher sagte er in ein Mikrofon: "Ich habe mir diese Dichte an Eindrücken so nicht vorgestellt." Er war erstaunlich dünn. Angeblich ist Kurt Beck im Urlaub 80 Kilometer am Tag Rad gefahren. Wie Scharping! Schon wieder ein SPD-Vorsitzender, der exzessiv Rad fährt.

Radfahren ist ein Extremismus der linken Mitte.

In der Halle, die Kurt Beck besichtigt hatte, waren Fotos einer älteren Dame zu sehen, Jo Spence, sie fotografiert häufig sich selber mit nackten Brüsten, auf eine ihrer Brüste hatte sie geschrieben: "Eigentum von Jo Spence." Daneben standen etwa ein Dutzend E-Gitarren auf dem Boden, die abwechselnd einen Akkord spielten, immer den gleichen. Ein Mann fragte seinen Begleiter: "Da brauchst du viel Platz. Wer kauft so etwas?" Der andere Mann, ein Galerist, erklärte, es gäbe zwei Sorten Kunst, erstens Kunst für den Privatverbrauch, zweitens Museumskunst. Früher hätten die Museen aus der Gesamtmasse der Kunst herausgekauft, was als besonders gut oder typisch gilt, heute würden viele Künstler direkt fürs Museum produzieren, zum Beispiel dieser Typ mit den Gitarren. Weil die meisten Museen immer geringere Anschaffungsetats hätten, sei die Museumskunst in der Krise und würde vielleicht sogar wieder verschwinden.