Kurt Hübner!

Als ich ihn 1984 kennenlernte, war ich 17. Ich ging ins Wintermärchen der Bremer Shakespeare Company, wo die Mutter meiner ersten Freundin als Sekretärin arbeitete. Im Foyer stand ein Mann mit übergeworfenem blauem Pullover, einem riesigen Hemdkragen, die Brille ziemlich weit vorne auf der Nase, die ihn berühmt machte. Die Mutter der Freundin flüsterte: "Das ist er, Hübner, der Hübner!"

Von diesem Hübner hatte ich schon mindestens zehn Jahre in meinem Elternhaus gehört. Meine Mutter ließ keine Aufführung aus der Hübner-Zeit in Bremen aus, und ein Freund meiner Eltern, Hans Kresnik, hatte mehrmals bei uns auf diesen Hübner angestoßen, ohne den er, wie er sagte, wahrscheinlich noch heute in Köln Gemüsekisten schleppen würde.

Ich schlich mich an diesen Mann heran und sagte: "Wenn Sie wirklich der Hübner sind, dann möchte ich Ihnen sagen, dass auch ich irgendwann einmal zum Theater will. Guten Abend." Er senkte seinen Kopf, sodass er nun ganz über die Ränder der Brille sah mit so leuchtenden und prüfenden Augen, als müsste jeden Moment das Klacken eines Röntgengerätes einsetzen. Dann sagte er: "Bur, ich rate ab."

Der große Hübner riet vom Theater ab. In der folgenden Viertelstunde hörte ich zum ersten Mal eine Hübner-Rede. Eine Rede über die ungeheure Idiotie des Theaters und das um sich greifenden "Tralala" und "Firlefanz". Je komplizierter und wahnwitziger die Welt werde, so Hübner, umso idiotischer und schwachsinniger werde das Theater in seinem Tralala und Firlefanz, während die Wahrhaftigkeit, die Sachkenntnis und Könnerschaft immer mehr herabsänken, sodass bald alles absolut verkommen sei, das Theater, das Kino, das Fernsehen sowieso, die Zeitungen auch, das Feuilleton, lauter Frechheiten und Dummheiten, man könnte auch sagen Tralala, außerdem werde die Welt sowieso untergehen, das prophezeie er, denn alle Auspizien deuteten darauf hin, dass der Untergang so einer Welt bevorstehe. Hübner endete, ging ins Wintermärchen, und ich entschied, vielleicht doch nicht zum Theater zu gehen.

Fünf Jahre später, 1989, bewarb ich mich für die Regieklasse von Jürgen Flimm an der Hamburger Hochschule für Darstellende Kunst. Das Prüfungsthema war Peter Steins Bremer Torquato Tasso von 1969, da war ich schon zwei, hatte aber Steins Inszenierung trotzdem nicht gesehen, sondern musste auf ein Video zurückgreifen. Ivan Nagel, der über diese berühmte Aufführung mit Bruno Ganz, Jutta Lampe und Edith Clever geschrieben hatte, sprach von einer Inszenierung, die den Text auf die Herrschaftsform seiner Entstehungszeit prüfte und sie dann auf 1969 übertrug; die Theatermacher, so sah es wohl Stein, waren selbst Angestellte einer auf Kunstbefriedigung ausgerichteten Gesellschaft, die das Theater nur als Dekor ihrer Wohlstandsfassade betrachtete. Man sprach von "Emotionalclowns" auf der Bühne und hörte von Krächen zwischen Hübner, dem Theaterdirektor, und seinen jungen Angestellten, denn Stein zog danach aus Bremen weg und gründete die Schaubühne in Berlin.